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F
BEOUEATHED BY
PROFESSOR OF
Oermanfc Xanouaoes an^ Itteratures
IN THE
1896-1899.
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I
■|.-
Der neuhochdeutsche Infinitiv
ALS Teil
EINER UMSCHRIEBENEN ZeITFORM.
Historisch-grammatische Betrachtungen .
Inaugural- Dissertation
ZUR
ERLANGUNG DER PHILOSOPHISCHEN DOKTOR WURDE
AN DER
UNIVERSITÄT GÖTTINGEN,
VON
PETER WILHELM MERKES
LEIPZIG, 1895.
Herrn Prof. Dr. M. HEYNE
in Göttingen
als Zeichen der Verehrung und Dankbarkeit gewidmet.
Der Infinitiv als Teil einer umschriebenen Zeitform.
A.
I.
1. Der Infinitiv wird im Deutschen (eben so wie in
den noch vorhandenen übrigen germanischen Sprachen
und Mundarten) verwandt, um die dem Germanischen
von je her fehlende einfache Form des Futuri zu um-
schreiben.
2. Unter Umschreibung wird hierbei verstanden die
Ersetzung einer fehlenden Form durch zwei oder mehrere
andere, die zusammengestellt ihre eigene Sonderbedeutung
mehr oder weniger aufgeben, um zusammen die der feh-
lenden anzunehmen, welche sie ersetzen. So ist de la
mere die Umschreibung des jetzt fehlenden Genitivs von
mere.
3. Gewöhnlich sagt man nun ganz kurz, die Umschrei-
bung sei die fehlende Form, und so heifst es denn auch
durchgängig
de la mere ist der Genitiv von la mhre
und entsprechend
Ich iverde "kommen ist das Futurum von kommen.
4. Bekanntlich umschreibt das Französische (wie auch
das Italienische und Spanische) sein Futurum auf ähn-
liche Weise mit dem Hülfszeitwort haben, läfst aber dann
1
— 2 —
die Wortformen, welche die Umschreibung bilden, eine
Zusammensetzung eingehen, die oberflächlich betrachtet,
den Eindruck einer neuen einfachen Flexionsform macht:
parier — ai.
5. Es ist leicht zu ersehen, dafs die zukünftige Be-
deutung in dem flektierten Teil der Umschreibung liegt.
Die Vollendung dessen, was ich werde, — was ich
schuldig bin zu thun; — was ich geneigt bin zu
thun, — was ich zu thun habe, kann eben nicht
anders als in der Zukunft liegen:
Ich werde schreiben; ik zai schrijven;
he will write; fecrirai: scribam,
6. Bisher galt die Ansicht, dafs dieser Infinitiv aus
dem Participium Praesentis hervorgegangen sei, so dafs
die merkwürdige Zusammenstellung ich werde + schreiben
aufzufassen sei als entstanden aus der Urform ich werde
schreibend (== ich werde ein Schreibender).
7. Beispiele dieser Zusammenstellung von werden mit
dem Participium Praesentis sind schon im Nibelungen-
liede zu finden und lassen sich verfolgen bis ins 16te,
ja 17te Jahrhundert, wo Paul Gebhard in seinem be-
kannten Kirchenliede Befiehl du deine Wege die letzte
Strophe mit den Worten beginnt Mach' End\ o Herr,
mach' Ende und damit die Fassung der dem Liede zu
Grunde liegenden Bibelstelle Psalm 37, 5: Er wird's
wohl machende (statt des jetzt üblichen und auch aller-
dings von Luther selbst gebrauchten Er wirds wol machen)
beweist.
8. Eedmann macht selbst drei Beispiele derselben
aus WuLFiLA und eins aus Tatian namhaft, die mr des
hohen Interesses, das sie bieten, hier mit der Über-
setzung von Luther zusammenstellen wollen.
— 3 —
Makc. 13, 25 (Bernhardt Lutheb (Bindseil u. Nie-
p. 1094*): Jah stairnonshimi' meyer, 1 850) : Vnd die Sterne
nis wair^and driusandeins. werden vom Himmel fallen,
Luc. 17, 35 (Bernhardt Zwo werden malen mit
p. 762**): Twos wair]>and einander,
malandeins,
JoH. 16, 20 (Bernhardt Ir aber werdet trawrig
p. 384): Jus saurgandans sein, (v. Ess: Dir we^'det
wair]>i]> trauern.)
Luc. 1, 20: TatianII, 9
(Sievers p. 69^0): Jnti nu Du wirst erstummen,
iiuirdist thü singenti (Beza: silebis),
9. Aus diesen Stellen geht wohl zur Genüge hervor,
dafs wir es hier in der That mit einer althergebrachten
wirklichen Umschreibung des Futurs zu thun haben, zu-
gleich aber auch, dafs bei Lutheb das Particip bereits
nicht mehr verwandt wird. Dafs bei Luther unser
modernes Futurum schon zur vollen Durchbildung ge-
langt ist, erhellt auch noch aus zahlreichen andern Stellen,
wovon namhaft gemacht seien: 5 Mose 7, 14; 5 Mose 7,
15; 5 Mose 7, 17; 5 Mose 11, 22; 5 Mose 11, 23; 5 Mose
11, 28; 5 Mose 12, 11; Jerem. 29, 12; Jerem. 29, 13;
Jerem. 29, 18; Jerem. 31, 5; Jerem. 31, 6; 1 Corinth. 13,
8; 1 Corinth. 13, 10; 1 Corinth. 14, 11; 1 Corinth. 15, 22;
1 Corinth. 15, 23; 1 Cor. 15, 24; 1 Cor. 15, 28; 1 Cor. 16,
12; 1 Cor. 6, 7; 1 Cor. 6, 10; 1 Cor. 6, 13.
10. Trotzdem aber kann noch nicht so ohne weiteres
zugegeben werden, dafs unser modernes Futurum aus
dieser Zusammenstellung von werden mit dem Participium
Praesentis hervorgegangen sei. Denn sollte sich unser
Futurum wirklich daraus entwickelt haben, dann harrte
*) Lies: Seite 109, Zeile 4 von oben.
**) Lies: Seite 76, Zeile 2 von unten
— 4 —
noch eine ziemlich schwierige Frage ihrer Lösung, näm-
lich die Frage nach dem Schwund des auslautenden d
des Participiums, da der Wegfall eines solchen d eben
sonst in der geschichtlichen Entwickelung des Neuhoch-
deutschen unbekannt ist.
11. Freilich liefse sich zur Erklärung auch hier wohl
der Vorgang annehmen, der so tiefgreifende Umgestal-
tungen in der Sprache hervorgerufen hat, nämlich der
sog. formale Ausgleich, und man müfste dann sagen,
werden habe statt des Participiums den Infinitiv zu sich ge-
nommen nach Analogie der modalen Hülfszeitwörter, d. h.
man sagte Ich werde kommen statt Ich werde "kommend,
wie man auch sagte Ich kann, ich soll, ich will kommen,
12. Aber diese Erklärungsart scheint uns ihr Ge-
zwungenes zu haben. Denn die ältesten Belege füi*
werden + Inf. in der Bedeutung des Futurs stammen
nach Ekdmann bereits aus dem 13. Jahrhundert und
reichen also fast bis in die Zeit des ersten häufigem Auf-
tretens von werden + Part hinauf. Wir müfsten also
dann wohl annehmen, dafs die Ausgleichung mit ihrem
Einflüsse bereits thätig gewesen sei, als die getrennte
Bedeutung beider Bestandteile der Umschreibung des
Futurs noch lebhaft empfunden werden mufste. Und
das scheint uns mit dem Wesen der Ausgleichung
nicht wohl vereinbar!
13. Irren wir nicht, so tritt nämlich erst dann Aus-
gleich ein, wenn die ursprüngliche Bedeutung der Eigenart
einer Sprachform wenigstens zum Teil geschwunden ist.
Das Eindringen des Umlautes in den Plural der o-Stämme
z. B. beginnt erst mit dem Aufhören des Verständnisses
für den Grund des Umlautes in den alten i-Stämmen.
So konnte auch in could das verkehrte l erst ge-
schrieben werden nach Analogie von would und shouldy
— 5 —
als man das l in diesen beiden letztern nich mehr sprach,
und also der Grund für das Auftreten des l in diesen
und das Fehlen desselben in jener Form nicht mehr er-
kannt wurde. Ausgleichung wird also wohl kaum auf
jungendliche , bedeutungsfrische Sprachformen wirken
können, und daher möchten wir also auch hier nicht gern
von Ausgleichung reden.
14. Da wir es nun aber mit einem allgemeinen
lautlichen Vorgang auch nicht zu thun haben, so
werden wir zu der Annahme gedrängt, dafs die seit-
herige Erklärungsweise unserer Form verkehrt sei.
15. Annehmbarer scheint uns, was Ebdmann (p. 99)
meint, indem er zur Erklärung von ich werde + Ir\finitiv
einfache Anlehnung an ich bin + I}\finitiv annimmt, eine
Form, von der die Rede sein wird bei der Behandlung
des Infinitivs als prädikative Ergänzung. Vielleicht
brauchten wir aber noch nicht einmal diese Anlehnung
der einen Form an die andere anzunehmen und könnten
sagen, dafs die Formen von werden + Infinitiv sich eben
so selbständig im Mittelhochdeutschen entwickelten wie
die Formen von sein + Infinitiv, die als solche ja fest-
stehen und sich vereinzelt auch noch bis auf den heutigen
Tag erhalten haben.
16. Im nähern möchten wir uns dann die Entstehung
und Ausbildung der Form auf die folgende Art vorstellen.
Eine eigentliche Form, die frei von jeder Neben-
bedeutung das Futurum rein ausgedrückt hätte, war im
Älhd. nicht vorhanden. In allen Umschreibungen für
dasselbe empfand man noch zu deutlich den Unterschied
zwischen dem zu bezeichnenden und dem bezeichneten
Begriff. Deutlich empfand man, dafs es ungenau war,
wenn man den Gedanken er wird glänzen mit den Worten
bezeichnete:
— 6 —
Er soll glänzen; er mufs glänzen;
er will glänzen; er wird glänzend:
sämtlich Ausdrücke, die zur Bezeichnung des angegebenen
Gedankens verwandt wurden. Die geringste modale Be-
deutung und damit auch die geringste Abweichung von
dem zu Bezeichnenden lag noch in der letzten Form.
Aber auch sie genügte nicht, da sie nicht den Eintritt
einer Handlung sondern die Bildung einer (haften-
den) Eigenschaft andeutete. Dies erhellt leicht durch
Gegenüberstellungen wie die folgenden:
er wird reizend: er ivird reizen;
das ivird entzückend: das wird entzücken;
er wird wütend: er wird ivüten;
{he becomes loving: he will love;
it hecomes soothing: it will sootlie;
het wordt vervelend: het zal vervelen;
het wordt verbazend: liet zal verbazen,)
Man suchte also nach einem andern deutlichem Hülfs-
mittel zur Bezeichnung der Zukunft und fand es in der
Zusammenstellung von werden mit dem Infinitiv: eine
Zusammenstellung, die deutlich von jeder andern unter-
scliieden war und keine besonders starke nicht-futurale
Eigenbedeutung hatte. Diese Zusammenstellung mufste
dann als deutlichste und allein unzweideutige Bezeichnung
des Futurs immer beliebter werden, die ihrem flektierten
Teile anfangs noch anhaftende präsentiale Bedeutung
immer mehr verlieren und allmählich die andern nicht
unzweideutigen Futur-Umschreibungen verdrängen und
auf deren Sondergebiet einschränken. Die Form entstand
im 13ten Jahrb., sie breitete sich aus im 14ten, sie legte
noch etwa vorhandene präsentiale Bedeutungsschattierungen
im löten und anfangs des 16ten Jahrh. ab und wird um
— 7 —
die Mitte des 16teii Jahrh. zum herrschenden
reinen Futurum. —
Dieser Erklärungsweise stehen formelle Schwierig-
keiten und Bedenken wohl kaum im Wege.
17. Was den Charakter der Bildung betrifft, so
müssen wir sie für eine sehr glückliche halten. Sie ist
der reinste und unzweideutigste Ausdruck für die Zu-
kunft, der auf germanischem Gebiete geschaffen worden
ist. Xur schade, dafs die Konsequenz ihrer Durchbildung
an mehr als an einer Stelle noch zu wünschen übrig läfst!
II.
1. Auf dieselbe Art, wie ich werde schreiben hätte sich
dann auch bilden können das Imperfekt ich ivard schreiben
mit der Bedeutung eines Imperfecti Futuri, oder richtiger
wohl umgekehrt eines Futurums des Imperfekts oder —
wagen wir die Zusammensetzung — eines Futuropraeteriti.
2. Dafs ein Bedürfnis für diese Form (bewufst oder
unbewufst, sei dahingestellt) empfunden wird, ist wohl
unbestreitbar, da man sich zum Ausdruck der Bedeutung
des Futuropraeteriti gegebenen Falles mit sollte, xüollte,
hatte zu und Ahnlichem behilft.
3. Verwandelt sich z. B. die Gegenwart
Ich schreibe, du liesest und er wird gleich rechnen
in die Vergangenheit, dann heifst es:
Ich schrieb, du lasest und er sollie gleich darauf rechnen,
oder
er haue zu rechnen,
oder
er wollte rechnen,
oder
er rechnete gleich darauf.
— 8 —
Aber diese sollte, tvoUte u. s. w. sind nur Notbehelfe
zum Ausdruck des futuralen Verhältnisses der Handlung
rechnen zu den andern Handlungen schreiben und lesen,
da sie ihre modale Bedeutung ja noch gar nicht abgelegt
haben. Wenn ich will rechnen und ich soll rechnen etwas
anderes enthält als ich werde rechn&n, dann besagen doch
auch die Praeterita ich wollte und ich sollte etwas anderes
als das hier nötige Futuropraeteritum.
4. Ansätze zui' Bildung unserer Form sind denn auch
wirklich vorhanden. Wir fanden vielfach Beispiele (be-
sonders bei Luther und Hans Sachs), wovon angeführt seien :
Apostelgesch. 7, 32: Moses ward wittern (was die
neueren Herausgeber verändert haben in Moses ward
witternd; Allioli: gitterte; Reischl: erbebte).
B. Waldis, Leben Esopi, 184: erfragt: was hanst du
gutes machen? Sprach: alles; ward Esopu^ lachen,
B. Waldis, ibid. 109: auch von der zeit an und dar-
nach tvard sich grosz Weisheit in jm regen,
H. Sachs (Tittmann) I, p. 121 2: Der pfaff zuhant dem
diebe wart nachlaufen.
H. Sachs (Tittmann) I, p. 132 23: Sohn wart diseji pH-
gram fragen.
H. Sachs (Tittmann) II, p. 39 22: Da wart ich zu dem
alten jehen.
Meenhold: Bernsteinhexe (Reclam) p. 86 i: Wiird er
fast lieblich aussehen. —
Viele Belege dieser Form giebt Erdmann selbst aus
dem Mittelhochdeutschen.
5. Aber trotzdem ist sie aus der Sprache wieder ge-
schwunden und mit Recht, da sie nicht den Mangel eines
Futuropraeteriti ersetzte, sondern wie die Beispiele zeigen,
nur als Synonym des Imperfecti verwandt wurde (höchstens
mit nui' sehr geringer Bedeutungsschattierung).
— 9 —
6. Ob sich die Form denn etwa noCh bilden liefse,
nun uns eine klarere Einsicht in die Verhältnisse und
Bedürfnisse der Sprache geworden ist, nun wir in all-
gemeinen Zügen ihren Bildungsgang kennen und auch
imstande sind, das Geleise anzudeuten, in dem sie sich
in Zukunft bewegen wird?
Das mögen andere entscheiden. —
7. Der Konjunktiv der Form er ward schreiben mufs
natürlich geheifsen haben er würde schreiben. Und wenn
nun jene Form fast ganz mit dem reinen Imperfekt schrieb
synonym war, so mufs es diese auch wohl mit dem reinen
Konjunktiv Imperfecti er schriebe gewesen sein.
8. Daraus meinen wir denn schliefsen zu dürfen, dafs
im 1 6 ten Jahrhundert auch gesagt wurde tvenn er schreiben
tvürde statt des einfachen wenn er schriebe,
9. Es wäre in der That merkwürdig, wenn man sich
so nicht ausgedrückt haben sollte. Einen wirklichen
Beleg fanden wir denn auch (ohne dafs wir der Form
besonders nachgespürt hätten) in Luther, welcher 1 Cor.
10, 28 sagt: Wo aber jemand zu euch würde sagen] und
diese Form ist so wenig auffallend, dafs das treflf liehe
Buch „Die Briefe des neuen Testamentes im jetzigen
Deutsch wiedergegeben, Rostock, W. Werther 1888", das
sich die Aufgabe gestellt hat, Luthers Sprache etwas
moderner und dadurch leichter verständlich zu machen,
p. 60 dem angeführten Satze die Form gab:
Wenn aber jemand zu euch sagen würde.
(v. Ess übersetzt: Wenn aber jemand zu euch sagte,
Wuleila: I^ jabai hwas qi]>ai [Bernhardt p. 129 4.])
Auch in den Abderitex bot sich uns ungesucht ein
Beispiel dar: Würde mein Vorschlag angenommen ivorden
sein, so bin ich gewifs, der Erzpriester hätte uns eine
— 10 —
höfliche Antivort gegeben. (Leipzig: Bibliographisches
Institut. Dritter Band, p. 201 ^9).
Ferner fanden wir noch, während wir dies aus-
arbeiteten
1) SrviPLicissiMus (Niemeyers Neudrucke, 1880)p.234 ^^:
Wan sie sich nicht noch diesen Abend bequemen würden.
Die Übertragungen ins Neuhochdeutsche bei Reclam,
Meyer, Hendel, Spemann haben alle: Wenn sie sich nicht
noch diesen Abend bequemen tvürden. Andere Beispiele
aus dem Simplicissimus in Reclams Ausgabe (Universal-
Bibliothek No. 761—765) p. 117i9, 2OO20, 2012, 20220.
2) MoscHEROscH, Philcinder (Reclams U.-B. No. 1874
— 1877) II p. 132 5:
Wenn ich euch „hochgelehrte Herren" titidiren tvürde,
so glaube ich, würde es das beste Mittel sein, euch meine
Ergebenheit zu beweisen.
Anderes Beispiel lüli.
3) Beeitinger, Kritische Dichtkunst, 6ter Abschn.
(Bötticher u. Kinzels „Denkmäler" IV p. 28 2):
Falls das Wimderbare aller Wahrheit beraidjet sein würde,
so wäre der gröbeste Lügner der beste Poet.
4) LESsrs'G, Drauiaturgie, 22tes Stück (Mitte des
letzten Absatzes):
Er habe ihr nämlich den Bing zuschicken ivollen, den
sie ihm zur Zeit der Hidd mit der Versicherung geschenld,
dafs, wenn er ihr denselben bei einem etwaigen Unglücke
als ein Zeichen senden ivürde, er sich ihrer völligen Gnade
wiederum versichert halten sollte.
10. Ist dem aber so, dann drängt sich uns unwillkür-
lich die Vermutung auf, die Form Wenn er schreiben
würde sei gar nicht so jungen Datums, wie wohl all-
gemein angenommen wird, und könne sich vielleicht aus
dem IG ten Jahrhundert bis in unsere Tage erhalten haben.
— 11 —
11. Das wäre gewifs interessant und jedenfalls mit
den Entwickelungserscheinungen der Sprache vereinbar,
Sie wäre dann der letzte faktische Beweis für das alte
Verhältnis der Formen er sprach und er ward sprechen
zu einander: der letzte faktische Beweis dafür, dafs ich
tuerde schreiben in seinen ersten Ansätzen kein Futurum,
sondern nur ein Praesens war und sein Ifiufste.
12. Und dann verdiente die Form auch endlich etwas
grössere Nachsicht bei ihrer Beurteilung.
13. Wir glauben überhaupt, dafs an der Form schwer
gesündigt worden ist, ebenso schwer wie an den harm-
losen Superlativen auf -ischst, dem Dativ -e und
anderen althergebrachten Steinen des Anstofses, die von
der Grammatik nur deshalb nicht haben beseitigt werden
können, weil diese seither .... einfach ignoriert
worden ist.
14. Man hat die Form ich würde schreiben zu einem
besonderen Modus, dem „Konditionalis" promoviert
(Becker, Götzinger, Wetzel etc. etc.). Mit Unrecht;
wie an dieser Stelle nicht näher ausgeführt sei.
15. Und man hat über die Form Wenn er schreiben
ivürde einstimmig das Anathema ausgesprochen. Auch
mit Unrecht.
16. Liegt darin ein Ereignis der Zukunft als an-
genommener Fall vor, dann halten wir die Form für sehr"
berechtigt. Wird darin aber ein Ereignis der Gegen-
w^art nur als angenommener Fall hingestellt, dann möchten
wir die Form für nicht mehr berechtigt ansehen: wenn
darin auch nach unserer Meinung noch ein interessantes
Überbleibsel aus früherem Sprachgebrauch vorhanden
sein könnte.
— 12 —
III.
1. Der Infinitivus Perfecti dient dann auf gleiche
Weise zur Bildung des Futuri Exacti. Ich werde schreiben:
Ich werde geschrieben haben.
2. Diese Form ist aber gewifs nur nach Analogie des
ersten einfachen Futurs gebildet und ist ohne Zweifel
erst recht jugendlichen Alters. Sie erfreut sich nämlich
auch heute noch nur sehr geringer Beliebtheit und wird
meistens ersetzt durch das einfache Perfekt. Das Be-
dürfnis zur Bildung der weitschweifigen Form scheint
sich uns überhaupt erst künstlich eingestellt zu haben
bei der Verlegenheit, wie das klassische Futurum Exactum
genau in das Deutsche übersetzt werden sollte.
Doch fanden wir noch: Lessing, Dramaturgie^ Aus-
gabe von Hendel p. 79 ^^: Wenn ich euch beide . . . glücklich
gemacht haben werde; ferner die Konjunctivformen: Gott-
sched, Cato, Ausgabe von Reclam p. 16 ^i Der . . . würde
streitig gemacht haben; Oanitz, Ausgabe J. U. Königs
vom Jahre 1727 p. XXV ^^: Welcher . . . dergleichen nicht
beliebet haben tvürde, —
Erdmais^ spricht nicht davon.
3. Anders ist es mit dem uneigentlichen Futurum
Exactum, das zum Ausdruck einer Vermutung dient.
Dieses ist häufiger im Gebrauch und auch schon ziem-
lich früh nachweisbar:
Luther, 2te Könige 3, 23: Eijier ivird den andern ge-
schlagen haben (Authorised Version: surely . . . they have
smitten one another. Statenbijbel: . . . voorzeker . . . hebben
(zij) de een den ander verslagen),
Tobias und die Schwalbe,*) Ausgabe von Reclam
p. 103 18: So tuerden wir vielleicht gar unrecht seyn be-
richtet worden.
*
) Sieh in dem S. 76 beginnenden Verzeichnis die No. 106.
— 13 —
Asiatische Banise,*) Ausgabe vom Jahre 1738 p. 6? :
Dafs er unmöglich weite sprünge ivird haben machen
können.
Gottsched, Cato, Ausg. von Reclam p. 27 ^r Die . . .
werden vorgestellet worden segn.
Derselbe p. SOe: Dafs man . . . werde gedacht haben.
Lessing, Juden I, 2 (Eeclams Ausgabe in 6 Bänden
p. 159 1^): Freilich werden sie ihn wohl haben umbringen
wollen.
B.
I.
1. Der Infinitiv wird im Deutschen auch als Stell-
vertreter des sonst üblichen Participii Perfecti gebraucht
zur Bildung der umschriebenen Perfektformen (Perfec-
tum, Plusquamperfectum, Futurum Exactum): wenn bei
diesen Perfektformen eines Zeitwortes noch
irgend ein reiner Infinitiv (d. h. ein Infinitiv ohne
2'w) steht als eine Art abhängigen Objektes. Also
z. B. statt
J^ai pu ecrire = Ich habe gekonnt schreiben
heifst es im Deutschen
Ich habe können schreiben,
oder vielmehr mit der jetzt üblichen Wortstellung, nach
welcher das Objekt im Hauptsatze zwischen den flektierten
und unflektierten Teil des Prädikates tritt: (Ich habe den
Brief geschrieben] ich schreibe den Brief ab; ich werde
den Brief schreiben):
Ich habe schreiben können,
2. Diese Form ist in ihrer Art höchst merkwürdig.
Sie findet sich aufser im Deutschen nur noch im Nieder-
*) Sieh in dem S. 76 beginnenden Verzeichnis die No. 7.
— 14 —
ländischen: im übrigen Germanischen ist sie unbekannt
(PoESTiON, Schwedische Orammatik p. 104 § 209; Heck-
scher, Dänische Orammatik]}. 152, Anmerkung 2; Neueste
Aufl. p. 162).
3. Im Niederländischen hat sie selbst noch weit
gröfseren Umfang angenommen als im Deutschen. Sie
kommt dort nicht allein vor bei Zeitwörtern, die ihre
zusammengesetzten Formen mit hebben bilden, sondern
auch bei zahlreichen Zeitwörtern, die 2:ijn zur Umschrei-
bung verwenden; bei solchen, die einen reinen Infinitiv
und bei solchen, die einen Infinitiv mit te regieren:
Hij is blijven staan, Hij is gaan bedelen.
Hij heeft dat trachten te doen u. s. w.
4. Wie erklärt sich nun diese seltsame Form?
Bei den modalen Hülfszeitwörtern, die, wie weiter
unten auszuführen, die Eigentümlichkeit sämtlich zeigen,
lag die Vermutung nahe (Grimm, Lachmann u. s. w.),
dafs diese scheinbaren Infinitive wirkliche alte Participia
seien, und zwar, da von einem neuen, starken, aus dem
Praeteritalstamm abgeleiteten Participium Perfecti nicht
wohl die Rede sein konnte (: wie weiter unten zu zeigen),
die der ihnen zu Grunde liegenden alten starken Zeit-
wörter, deren Praeteritum sie jetzt mit beibehaltener
Praeteritalflexion als Praesens verwenden.
5. Darnach hätten wir also in dem können des Satzes
Ich habe schreiben können das alte regelrechte Participium
Perfecti Passivi zu erblicken des nur bruchstückweise
erhaltenen :
*kinnan, kann, kumiüm, kunnänoz,
und ähnlich in den übrigen Fällen.
6. Auf den ersten Blick hat diese Annahme etwas
unleugbar Bestechliches. Es hätte sich dann von dem
— 15 —
sonst nahezu ausgestorbenen Zeitwort ^khDiaii dieses
Particip noch in alter reiner Form und Verwendung
als solches erhalten und wäre ein ebenso merk- und
denkwürdiger Überrest aus alter Zeit wie etwa das
Thema 4- in Bräutigam,
7. Versprengte Formen ähnlicher Art kommen ja
häufiger noch unerkannt isoliert vor, wie z. B. das Ad-
jektiv gediegen als Particip von gedeihen mit richtigem,
altem, grammatischem Wechsel; die Formen tritt und
nimmt mit alter Stammquantität von treten und nehmen;
Schalk mit seiner alten Bedeutung in den jetzt unver-
ständlichen Zusammensetzungen Gottschall und Marschall]
der Dativ Plural des alten i(-Stammes Hand in den
Formeln zit Händen, vorhanden u. s. w.
8. Gehen wir der Sache aber etwas näher auf den
Grund, so müssen wir doch sagen: die Annahme ist
zwar mögUch, sie ist aber nur dann richtig, wenn es
sich nachweisen läfst, dafs diese Formen von je her als
solche in der deutschen Sprache und dann auch ganz
allgemein im Germanischen vorhanden gewesen sind. Ist
das nicht der Fall; zeigen sich die Formen erst in ver-
hältnismäfsig junger Zeit, als das alte Particip schon
tot war: dann fällt die Annahme hin.
9. Denn — diesen Satz möchten wir an dieser Stelle
ganz allgemein aussprechen — eine nicht künstlich
und willkürlich beeinflufste Sprache greift nie
wieder auf erloschene Sprachformen zurück! Im
Neuhochdeutschen wird nie wieder gesagt werden: Die
Fraue ist schöne, sie hat schone (beautifully) gearbeitet:
die drei e in Fraue, schöne, schone sind eben so tot, als
das alte Verhältnis von schöne zu seinem Adverb schone.
10. Das schliefst natürlich nicht aus, dafs zuweilen
zufällig Neubildungen entstehen, die ganz das Aussehen
— 16 —
wiederaufgelebter Urformen haben, mit denen sie aber,
abgesehen von der äufseren Erscheinung, auch nicht das
Geringste mehr gemein haben. Wir erinnern z. B. an
die Formähnlichkeit zwischen neuhochdeutschem Herzens
und gotischem hairtins, zwischen neuhochdeutschem
Samens und lateinischem nominis, neuhochd. Samen und
lat. semen. Wenn wir diese und die zahlreichen ähnlichen
Formen mit den ihnen zunächst entsprechenden altern
vergleichen, aus denen sie hervorgegangen sind, dann
müssen wir allerdings zugeben, dafs es den Anschein
hat, als ob die Sprache in jüngster Zeit nicht vorwärts
sondern rückwärts geschritten wäre. Wir wissen indessen
heute, dafs dieser scheinbare Rückschritt der Sprache
nicht die Folge der organischen Weiterentwicklung der
Sprachformen ist, sondern stets die Folge der äufsern
Beeinflussung der einen Sprachform durch die andere:
die Folge der sog. „Ausgleichung", von der vorhin schon
die Rede gewesen.
II. Unser Satz behält also seine Gültigkeit. Ja, was
ihm scheinbar widerspricht, dient nur zu seiner völligen
Bestätigung. Weisen wir nur auf den sog. „Rückumlaut-'
der schwachen Verba der jan-Klasse hin. (Kennen, kannte,
gekannt).
Was beweist hier der umlautfreie Praeterital- und
Participialstamm anders, als dafs die Syncope des Um-
laut erzeugenden j (/) älter ist als der Umlaut selbst,
also etwa in das Jahr 700 oder 650 fällt, als der i-Um-
laut in der Sprache noch nicht existierte? Denn hätte
die Reinheit des Präterital- und Participialstammes dieser
Zeitwörter vor dem Eintritt der Syncope einmal eine
Trübung erlitten, dann wäre diese erhalten geblieben
und nie wieder aufgehoben worden, eben so etwa wie
heute der alte i-Stamm schön sein stammhaftes o nie
— 17 —
wieder erhält, obgleich das Umlaut erzeugende auslautende
/ nicht mehr vorhanden ist.
12. Alle Sprachentwicklung ist Fortschritt, niemals
Rückschritt. Dafs eine erloschene Form von selbst wieder
zurückkehrt in die Sprache, ist eben so unmöglich, als dafs
ein verdorrtes, umhergewehtes Blatt wieder zurückkehrt auf
den Zweig des Baumes, der es abschüttelte, seiner müde. —
Dafs sich ein Phönix aus seiner Asche erhebt,
ist ein Gegenstand der Poesie, nicht der Natur-
wissenschaft.
13. Hiernach läfst sich denn die Richtigkeit der An-
sicht GniMiMs leicht prüfen.
In der älteren Sprache (Gotisch, Althochd., Mittel-
hochd.) sind Participia starker Form von den Modal-
hülfszeitwörtern nicht vorhanden. Ja, im Alt- und Mittel-
hochdeutschen ist von diesen Verben überhaupt kein
Particip belegbar, weder ein starkes noch ein schwaches.
Die ersten Formen der Participia dieser "Wörter sind
schwach und sind nicht älter als das 14 te und löte Jahrh.
Nach M. Heyne (Deutsches Wörterbuch, 2ter Band, 1892,
Spalte 891 29) ist dasPart. Fvät gemust (selten gemüst) sogar
erst im 16ten Jahrhundert nachgewiesen. Daher
ist denn jede Annahme ausgeschlossen, dafs in unseren
Formen noch Überreste von Participien alter starker Form
vorhanden seien: die Ansicht Grimms ist als irr-
tümlich abgethan.
14. Dafs die Ansicht gänzlich unhaltbar ist, ergiebt
sich aber auch noch aus anderen Umständen.
Angenommen, die zu den Praeteritis Icanrij mufs,
darf u. s. w. gehörenden alten, starken Participia seien in
der That vorhanden. Wie sähen die denn aus? Um dies
zu erkennen, setzen wir die folgenden theoretischen Zeit-
wörter des TJrgermanischen an:
— 18 —
*mätan, möt, *motüm^ "^matänoz^
*]>Srpha7i, ]>arph, '^]>urbüm, *]>urMnoz;
*kinnan, kann, *kunnüm, *kiinnänoz\
*meyan, may, *mceyüm, *meyänoz\
skUan, skal, *skcelwn, "^skidänoz]
"^welan, wal, *wcelüm, *wulänoz.
Hätten sich nun die alten Participien in regelrechter
Entwickelung erhalten, dann müfsten sie jedenfalls im
Mhd. heifsen: "^mazzen, *dorben, *kunnen, '^megen, *scholen
= "^solen, *wolen, und im Nhd. hätten wir dafür zu er-
warten: '^müssen, *dorben, *konnen, *megen -= mögen, *solen
«= sollen, *wolen « ivollen.
Es entsteht dann also die Frage, wie sind aus den
zu erwartenden Formen *massen, *dorben, ^können, die
wirklichen müssen, dürfen, können entstanden? Mögen,
soUm, wollen sind noch auf lautgeschichtlichem Wege aus
megen, solen, wolen herleitbar; aber wie die drei anderen?
Zwar hat man hierauf eine Antwort versucht. Man
hat gesagt, zwischen den alten Participien und den neuen
Infinitiven der modalen Htilfszeitwörter hat Ausgleich
stattgefunden und zwar so, dafs stets der Vokal des In-
finitivs auch Vokal des Particips wurde. Diese Antwort
ist aber Unsinn. Zwischen einem Participium Praeteriti
und einem Infinitiv ist seither noch nie ein Ausgleich
erwiesen worden, und, sagen wir geradezu, auch uner-
weisbar. Ein solcher Ausgleich ist eben so undenkbar . . .
es wäre ein „stofflicher" . . . wie ein Ausgleich zwischen
dem Praeteritum und Praesens irgend eines starken Zeit-
wortes zur Herstellung einer vokalischen Einheit. Eine
lautliche Annäherung eines Particips an den Infinitiv
ist seither unerhört ; wohl ist das Umgekehrte dagewesen,
eine lautliche Entfernung: scheiden, schied, geschieden
statt gescheiden.
— 19 —
Nehmen wir in den vorliegenden Formen starke Par-
ticipia an, so stehen wir also vor einem noch ungelösten,
lautlichen Problem.
15. Hierzu gesellt sich noch eine Schwierigkeit in
Bezug auf die Bedeutung.
"Wären nämlich die starken Participia *massen, *dorben,
'^können u. s. w. erhalten geblieben, dann wären sie doch
noch inuner Participia zu den dem Praeterito-Praesens
zu Grunde liegenden alten ursprünglichen Zeitwörtern
*maten, *]>erphan, "^kimian etc. nicht zu den neuen In-
finitiven, Mhd. *müe2e7i, "^dürferi, "^kunnen etc.
Sie hätten also auch die Bedeutung der Participia
der ersteren: nicht die der letzteren. Und dafs das
einen gewaltigen Unterschied macht, wird deutlich aus
einem Beispiel der heutigen Sprache.
Angenommen, uns fehlte die Bezeichnung für den
Begriff haben; vorhanden wäre indessen das Zeitwort
erwerben. Dann sieht jeder ein, dafs man den Satz fai
un livre annähernd richtig ausdrücken könnte mit dem
Satz *IcJi erwarb ein Bicch: denn was ich jetzt besitze,
ist doch gleichbedeutend mit demjenigen, was ich er-
worben habe. Der fortwährende Gebrauch dieses Prae-
teriti als Stellvertreter eines Praesens läfst dann endlich
die praeteritale Bedeutung mehr und mehr erblassen,
man fühlt und versteht in dem Praeteritum nur ein
Praesens und man sagt dann:
fai heifst auf Deutsch *Ich erwarb.
Dann bildet das Sprachgefühl zu diesem „Praeterito-
praesens" auch ein Imperfekt und schlief slich auch In-
finitiv und Particip; alles aber selbstredend schwacher
Form:
Hch erwarbte; Inf. *e7'warben; Part, '^erwarbt
Folglich: eu = "^erivarbt
2*
— 20 —
Wäre nun von erwerben das Participium erworben
noch vorhanden, so wäre dieses doch nicht = ew = *er-
warbt Wer das behauptet, erklärt nicht mehr
und nicht weniger, als dafs die Begriffe gehabt
und erworben sich d ecken. Der alte temporale Unter-
schied zwischen dem Praesens und Praeteritum des Pri-
mitivums bleibt in den Participien des Primitivums und
des Praeterito-Praesens erhalten:
"^massen: gemufst «=» Praesens: Praeteritum.
„ „ = erworben: gehabt {^erwarbt).
Das einzige wissen macht scheinbar eine Ausnahme.
Von diesem ist nämlich das starke Participium da.
Dies wird aber nur als Adjektiv nicht als Particip zu
ich weifs gebraucht: was dem vorhin Ausgeführten denn
auch also nicht mäer- sondern entspricht.
Nebelungek (Ausg. A. Holtzmanns),
Strophe 1487:
Nu ist in doch geivizzen =- Nun ist euch doch bekannt*
Strophe 1455:1
Daz ist mir ungewizzen = Das ist mir unbekannt
Aber Strophe 1780:
Het ich gewist = Hätte ich gewufst.
"Wie diese Schwierigkeit in der Erklärung des Be-
deutungswechsels der alten Participien mm zu lösen
wäre, ist uns auch unerfindlich. Man scheint diese
Schwierigkeit seither aber gar nicht gemerkt zu haben. Ein
Versuch zur Lösung derselben ist wenigstens, so viel wir
wissen, noch nicht gemacht worden.
16. Wäre es denn nicht möglich, dafs man die Formen
müssen, dürfen, können etc. auffafste als neue starke
Participia zu den neuen Infinitiven müssen, dürfen etc.?
Nein, auch diese Annahme entbehrt jeder Begründung.
Die Fähigkeit zur Bildung neuer starker Participia hat
— 21 —
in den historisch belegten Sprachen und Mundarten auf-
gehört. "Was dieselben noch an starken Formen auf-
weisen, ist Erbgut aus alter Zeit und nimmt nicht zu,
sondern langsam aber beständig ab. Dafs sich also im
14ten, oder löten Jahrh. neue starke Participia ge-
bildet haben sollten, die mit den uralten Participien
nichts mehr zu thun hätten, ist undenkbar. Es wäre doch
auch geradezu absurd, dafs die Sprache zu einem
schwachen Praeteritum ein neues starkes Participium
bilden sollte. Bei welchem andern schwachen Zeitwort
ist je etwas Ahnliches vorgekommen?
Diese Annahme ist also auch unhaltbar.
17. Man hat aber noch einen andern Ausweg versucht,
um die Particip-Hypothese zu retten.
Man hat gesagt: Die in Rede stehende Sprachform
begann zuerst bei den starken Zeitwörtern sehen, heifsen,
lassen, deren Participium Praeteriti ursprünglich augment-
los war (noch Abraham a Sa^s^cta Claba bildet die
Participia durchgängig augmentlos) und also mit dem
Infinitiv gleichlautete. Bei diesen Zeitwörtern konnte es
also nicht anders heifsen als:
Ich habe arbeiten sehen;
Ich habe arbeiten lassen;
Ich habe arbeiten heifsen:
und in diesen Satzformen sind sehen, lassen, heifsen in
der That regelrechte Participia und keine Infinitive.
Diese Formen machten dann das Sprachgefühl unsicher.
Es wurden die Participia sehe^i, lassen, heifsen bald nui*
als Infinitive empfunden und nun entstanden auch aus
den Sätzen Ich habe arbeiten könnt, dürft, mufst die analog
gebildeten Formen Ich habe arbeiten können, dürfen,
müssen etc. und im Anschlufs hieran selbst Ich habe ar-
beiten hören, lernen, lehren, helfen u. s. w.
— 22 —
Man mufs gestehen, dafs in dieser Darstellung die
Participhypotliese recht einleuchtend aussieht und einen
überzeugenden Eindruck macht.
Beschäftigen wir uns aber etwas eingehender damit,
so werden wir sofort erkennen, dafs sie auch in dieser
Fassung ihre sehr bedenklichen Seiten hat.
Also die Formen Ich habe heifsen. Ich habe fassen,
Ich habe sehen haben selbst das Sprachgefühl ins
Schwanken gebracht, haben selbst die Einsicht in das
Wesen dieser Formen getrübt und Perfektformen aus
haben + Infinitiv statt aus haben + Particip entstehen
lassen. Ist dem aber so, dann wäre es doch die natür-
lichste Folge gewesen, dafs die Sprache wenigstens bei
der Mehrzahl der Verben, deren augmentloses Particip
ebenfalls mit dem Infinitiv äufserlich übereinstimmt (dahin
gehören 20 ^/o aller starken Verba,) das Augment im
Gegensatz zu den übrigen nicht ansetzte, dafs man also
später gesagt hätte:
Ich habe geben, treten, messen, lesen, graben, tragen,
fahren, blasen, laufen, rufen etc. etc. und schliefslich auch
(diese Formen waren dem Sprachgefühl ja Infinitive)
Ich habe singen. Ich hohe biegen. Ich habe helfen. Ich habe
holen, arbeiten u. s. w.
Von allen diesen Formen, die sich von selbst ergeben
hätten, hat sich aber nichts gebildet. Die Sprache hat
jederzeit das Participium von dem Infinitiv deutlich
unterschieden und dem Participium schliefslich noch zur
weiteren Unterscheidung das Augment gegeben, selbst
fehlerlos in den Fällen, wo Infinitiv und augmentloses
Particip gänzlich übereinstimmten: ein Beweis, dafs das
augmentlose Particip selbst das Sprachgefühl niemals
geschwächt hat.
— 23 —
Ist die Form heifsen in dem Satz Ich habe arbeiten
heißen nicht imstande gewesen die Form Ich habe^singen
statt gesungen^ oder die noch leichtere Ich hdbe^treten
statt getreten zu erzeugen: dann war sie erst recht zu
schwach, die ungleich ferner liegende Form Ich hohe
arbeiten können statt Ich habe arbeiten (ge)konnf ins Leben
zu rufen.
Hierzu kommt noch der gewichtige Umstand, dafs bei
heifsen, lassen, sehen die Infinitivform als Ersatzform des
Particips bedeutend weniger fest ist, als bei den modalen
Hülfszeitwörtern, die die Infinitivform erst nach Analogie
jener entwickelt haben sollen. —
Doch noch mehr spricht gegen die erwähnte Fassung
der Participhypothese.
Es ist nämlich rein unmöglich, dafs die modalen
Hülfszeitwörter die Infinitivform als Ersatzform des Par-
ticips nur nach Analogie der starken Verba heifsen, lassen,
sehen entwickelt haben. Denn dieser Vorgang würde ein
unerhörtes Wunder darstellen. Er bedeutete eben nichts
weiter, als dafs das Schwächere über das Stärkere den
Sieg davon getragen hätte; und ist das schon dagewesen?
Gewifs kann die Minderheit die Mehrheit besiegen;
aber wann? Wenn die Minderheit Bundesgenossen hat:
in geistiger oder seelischer Überlegenheit und in un-
berechenbaren äufseren Umständen. Dies ist ein un-
wandelbares Gesetz: Die Minderheit unterliegt stets.
Wo sie nicht unterlegen ist, war sie nur scheinbar die
Minderheit, vielleicht numerisch, aber nicht absolut.
(Friedkich hatte bei Leuthen und Rofsbach die Mehrheit
entschieden auf seiner Seite; wo er sie nicht hatte,
unterlag er so gut wie jeder andere Sterbliche.) Wenn
also Ich habe arbeiten können Analogiebildung wäre zu
Ich habe arbeiten sehen, dann müfsten Sätze dieser Art
— 24 —
das numerische Übergewicht haben oder gehabt haben
über Sätze jener Art; oder, wenn das nicht der Fall
wäre, so müfsten sie irgend ein besonderes Merkmal in
sich tragen, das ihnen das sonst nicht vorhandene Über-
gewicht über Sätze jener Art verliehe. Und was läfst
sich hiervon mit Wahrscheinlichkeit wohl annehmen?
Was läfst sich davon beweisen?
18. Damit glauben wir der Participhypothese denn
auch die letzte Stütze entrissen zu haben und geben sie
endgültig auf.
19. Wir folgen damit auch nur einem Vorbilde, das uns
von namhafter Seite in jüngster Zeit gegeben worden ist.
Ebdmanx sieht in der Bildung unserer Form die
Wirkung einer Art Assimilation, worüber unten mehr.
WiLMANNS, der in der zweiten Auflage seiner Schul-
grammat'ik unsere Formen für Participia erklärt hatte,
beobachtet über die Natur derselben von der dritten
Auflage an ein sehr beredtes Schweigen und endlich
sagt M. Heyne in seinem Wörterhucliy 2terBand,
1892; Spalte 6 is ausdrücklich:
In Verbindung mit den Hülfsverhen können, mögen u.
s. w, steht statt des Part, der letzteren ein Infinitiv ^ wenn
ein anderer solcher vorausgeht oder folgt
Dabei wird es denn ^vohl endgültig sein Be-
w^enden haben müssen.
20. Es bleibt uns somit wohl nichts anderes zur
Erklärung übrig, als in diesen Formen einen Vorgang
anzunehmen, der auch anderwärts in der Sprache vor-
kommt und den wir syntaktischen Ausgleich nennen
möchten: Stehen zwei Wortformen im Satze un-
mittelbar neben einander und drängen sie sich
in dieser Zusammenstellung dem Sprachgefühl
mehr oder weniger als eine inhaltliche Einheit
— 25 —
auf, so ist man bestrebt, ihre Formen einander
zu nähern und dadurch Formunterschiede zu
verwischen: die eine Form wird der andern an-
geglichen. So heifst es jetzt z. B. fast allgemein Ich
trinlxe einen Becher alten Wein; Ich häufe eine Elle gute
Seide: Der alte Genitivus Quantitatis hat sich in eine
Apposition umgesetzt.
21. Man hat zur Erklärung unserer Form aber auch
von Attraction gesprochen. Ist denn das dasselbe? Wir
glauben kaum. Was denkt man sich denn unter „At-
traction" ?
„Attraction" heifst Anziehung. Also mufs man sich
vorstellen, dafs hier die eine Form die andere angezogen
oder herbeigezogen habe. Etwas kann aber doch nur
herbeigezogen werden, das entfernt ist. Wenn ich z. B.
sage: Der Magnet zieht ein Eisenstückchen an,
so heifst das doch: Die örtliche Entfernung des
einen von dem andern wird durch die magne-
tische Kraft aufgehoben. Die Folge der magne-
tischen Anziehung ist also eine Ortsveränderung; aber
auch eine Form- und Wesens Veränderung? Hängt
mit der Aufhebung der örtlichen Entfernung auch eine
Wesensumgestaltung zusammen, wie wenn z. B. in der
Chemie zwei Körper auf einander wirken, dann spricht
man nicht mehr von blofser Attraction. Folglich
möchten wir sagen: Formwandlung ist niemals die Folge
blofser Attraction. Und da wir es hier also durchaus
nicht mit Ortsveränderung, wohl aber mit Formwandlung
zu thun haben, so ist das Wort „Attraction" für die in
Rede stehende Erscheinung verfehlt.
Oder sollte man sich vielleicht vorzustellen haben,
dafs hier der Formunterschied zwischen Infinitiv und
Particip metaphorisch als Ferne aufzufassen sei?
— 26 —
Wenn ja, dann hat hier „Attraction" also jedenfalls
nicht seine gewöhnliche, ihm ureigene Bedeutung, was
doch auch wohl hinreichen wüi*de, es hier als Terminus
Technicus zu verwerfen.
Man wende nicht ein, dafs der Ausdruck „Attraction"
in der griechischen Grammatik doch üblich sei und zwar
auch zur Bezeichnung eines Formwandels; denn hier
halten wir ihn ebenfalls für nur wenig geeignet.
22. Anders wäre es mit dem Ausdruck „Assimilation",
der in jüngster Zeit versucht worden ist. Wenn man
von „Wortangleichung" sprechen wollte, so liefse sich
dagegen wohl nicht so viel einwenden. „Ortliche Nähe"
zweier Wort- oder Satzelemente", liefse sich dann wohl
sagen, „erzeugt Formenannäherung (Mhd. sande^ nande)
und Formenangleichung (sterro, stimma, hisht [16tes
und 17tes Jahrb.] midst ausgespr. mitst [neuengl.]), und so
auch hier.
Doch auch „Assimilation" dünkt uns noch nicht über
jederlei Beanstandung erhaben. Denn die Assimilation
scheint uns ein rein mechanischer Vorgang zu sein, und
in unserem Falle haben wir es doch auch mit einem
unschwer erkennbaren geistigen Element zu thun. Er-
klären Avir uns.
Der Grund der Assimilation ist örtliche Nähe, der
Zweck: Hebung einer mehr oder weniger deutlich em-
pfundenen mechanischen Schwierigkeit. In hastu statt
hast dti, (die im 16ten und 17ten Jahrh. übliche Schreib-
Aveise und die heute noch übliche Aussprache) ist das d
an das f assimiliert worden: 1) weil das f unmittelbar
voranging, 2) damit die Schwierigkeit der Aussprache
f + d vermieden werde. — In dem Satze IJr hat lonnt
schreiben ist aber die Wandlung des (ge)lconnt in können
geschehen, weil: 1) schreiben in der Nähe stand; 2) das
— 27 —
(ge)konni durch die Nähe des Infinitivs irrtümlicherweise
selbst als Infinitiv aiifgefafst wurde; 3) damit — vacat.
Was unter die Assimilation fällt, ist demnach von
unseren Sprachformen unterschieden nicht allein in An-
sehung der Hauptursache, sondern auch in Ansehung
des Zwecks; und wenn dem so ist, dann thun wir besser,
den Ausdruck hier zu vermeiden: Nur congruente
Begriffe seien durch congruente Termini be-
zeichnet.
23. Wir bleiben also bei dem eben gebrauchten
Ausdruck und sprechen in den in Rede stehenden Fällen
von einer Art Ausgleichung auf syntaktischem
Gebiete.
24. Denn Avie bei der eigentlichen Ausgleichung
handelt es sich doch hier um die Herstellung einer
Formeinheit ZAvischen Wörtern, die man als eine Inhalts-
einheit empfindet. Ich fand ist ein Imperfekt eben so
wie iiir funden\ der Grund für den Formunterschied
wird nicht mehr gefühlt, folglich wird er aufgegeben:
stofflicher Ausgleich. Ich houc ist ein Imperfekt zu einem
Infinitiv mit stammhaftem /o, eben so wie ich höt; dafs
6 nur vor der folgenden Dentalis und altem h stehen
kann, wird nicht mehr verstanden, folglich müssen beide
Imperfecta mit demselben Ablaut gebildet werden: for-
maler Altsgleich. — In Ich trinke einen Becher alten
Weines wird der Genitivus Quantitatis unter der Rektion
von Becher nicht mehr begriffen ; man denkt, das eigent-
liche Objekt des Trinkens sei Wein, also ist dann sowohl
Becher als auch Wein Objekt zu trinken, folglich Formen-
gleichheit: beide werden Accusativ: syntaktischer Ausgleich,
und zwRr formaler.
25. Und so sagen wir denn auch liier: In dem Satze
Ich hale lesen gemufst ist dem Sprachgefühl das Wesen
i'
— 28 —
des Unterschiedes der Form zum Ausdrucke des Unter-
schiedes der syntaktischen Bedeutung irgend einmal aus
irgend einem Grunde abhanden gekommen, imd es be-
strebte sich diesen Unterschied zu verwischen: syntak-
tischer Ausgleich und zwar ebenfalls /ormafer.
26. In dieser Art aufgefafst, steht unsere rätselhafte
Form also gar nicht allein da in der deutschen Gramma-
tik, sondern ist vielmehr nur ein Glied in einer ganzen
Kette ähnlicher Bildungen auf sprachlichem Gebiete.
Ja, noch mehr. Sie berührt sich alsdann noch mit
mancher andern Erscheinung in der deutschen Syntax
und findet dadurch auch eine weitere Bestätigung.
27. Wir glauben nämlich etwas durchaus Ahnliches
zu finden in den Fällen, wo z. B. ein Zeitwort seine
Rektion ändert.
Betrachten wir einmal erwähnen. Wenn dieses Zeit-
wort den Genitiv regiert und man hat dann Sätze fol-
gender Form nebeneinander:
Ich erwähne guter Kinder (Geniti\'us) ;
Ich erwähne alles
Ich erwähne nichts
Ich ertvähne gutes
Ich erwähne dieses
und die Sätze der letzteren Art lassen durch den Stand
der Entwicklung der Si)rache zu irgend einer Zeit die
Genitive der Form nach auch als Accusative empfinden,
dann tritt zunächst ein Schwanken zwischen Genitiv und
Accusativ ein (wie es heute bei der Rektion von envähnen
thatsächlich vorhanden ist) und schliefslich wird der
Kasus, der in den selteneren Fällen als solcher deutlich
zum Ausdruck kommt (hier also der Genitiv) ausgeschie-
den: das Zeitwort hat seine Rektion geändert: stofflicher
Ausgleich.
29 —
28. Ebenfalls syntaktischen Ausgleich, aber dieses
Mal formalen hätten wir, wenn z. B. das Zeitwort ver-
.7 TU- Tri 1 TT i_ -A.CC. personae
sichern aus der kleinen Klasse der Verba + >>, - —^
Gen. rei
in die grofse Klasse der Verba + -i — — — übertritt.
^ Acc. rei
29. Nicht unähnlich ist ferner der Fall, wo eine Wort-
form ihre syntaktische Bedeutung ändert. Ist z. B. das
Fürwort es Accusativ in den Sätzen Ich sehe es; Ich thue
es; Ich nehme es etc.; dagegen Genitiv in dem Satze Ich
erwähne es: dann wird gar bald das Sprachgefühl in
Bezug auf den Charakter der Wortform irre und legt ihr
überall nur eine syntaktische Bedeutung bei und zwar
diejenige, welche in den meisten Fällen auf unzweifelhafte
Art hervortritt. Es hat aufgehört Genitiv zu sein:
Herrscht bei Gleichheit der Form Verschieden-
heit der syntaktischen Bedeutung, so wird nach
einigem Schwanken diese Verschiedenheit auf-
gehoben: syntaktische Ausgleichung und zwar Beäeu-
tungsausgleichung,
30. Ist das Gesagte nicht unrichtig, dann könnten
wir alle Fälle der Ausgleichung auch Avie folgt zusammen-
stellen und in eine Art System bringen:
Ausgleich.
Etymologischer Ausgleich
Wortstammausjl.
Ich fand :
wir fanden.
Wortklassenausgl.
Ich bot, ich zog\
Ich bog.
Syntaktischer Ausgleich
Formausgleich Bedeutungsausgl.
a) 1. Ich hcibe Ich sehe es:
schreiben müssen. Ich ericähne es
2. Ich trinke (Acc!)
eineFlasche Wein.
ß) Ich versichere
dir das.
Y) Ich erwähne
die Kinder.
— 30 —
31. Bei der eigentlichen Ausgleichung sind aber
immer zwei Formen möglich, z. B. statt dafs es heifst
wir fanden zu Gunsten von ich fand, hätte sich auch
bilden können ich f und zu Gunsten von wir ftmden; statt
ich bog zu Gunsten von ich bot, auch umgekehrt ich baut
zu Gunsten von ich bouc.
Ist denn nun auch eine solche zweite Form bei dem
in Rede stehenden Falle denkbar? Ist es denn nach
dem gewöhnlichen Gang der geschichtlichen Entwickelung
der Sprache auch möglich anzunehmen, dafs sich unter
irgend welchen Einflüssen der abhängige Infinitiv an das
Particip des regierenden Perfekts anschlofs und auch
auf serlich zum Particip wurde?
Wir glauben dies entschieden bejahen zu müssen.
Die theoretische Möglichkeit für die etwaige Form
*jEV hat {ge)schrieben {ge)mufst
müssen wir unbedingt einräumen, besonders wenn mr in
Betracht ziehen, dafs nach der älteren Sprache, in einem
Satze wie
Er hat lassen lesen
beide Teile ebenso sehr den Eindruck eigentlicher Par-
ticipia als eigentlicher Infinitive machen mufsten.
Wir sind selbst in der Lage einen Beleg für
diese überaus merkwürdige umgekehrte Aus-
gleichung beizubringen: IMelchioe Meye sagt in
seinen Erzählungen aus dem Ries, Band III, Seite 425:
Eir ivollt Euch schadlos halten für den Kuppelpelz,
um den ich Euch helfen gebracht habe.
Bringen, das reiner Infinitiv hätte sein müssen, ist
irrtümlicher Weise in das Particip verwandelt, während
sonst umgekehrt das Particip in den Infinitiv verwandelt
worden ist.
— 31 —
32. Freilich können wir die Frage, warum nun aber
beide Teile als Infinitive und nicht anders behandelt
worden sind, nicht näher beantworten; aber auch nicht
weniger als die analoge Frage, warum sich nun grade
im Deutschen die Form ich fand als die stärkere erweisen
mufste und nicht wir funden, da doch im Englischen
und Niederländischen der Plural bestimmend wurde
(: Ifound; ik vond), da doch ferner in anderen Formen
gerade der Plural den Sieg davon trug (: ich ritt^ ich
hlieb, ich schund, ich wurde). —
33. So wäre unsere Form denn also in der That die
Frucht eines Mifsverständnisses? Unser Sprachgefühl
hätte irgend einmal so schwach sein können, dafs es den
syntaktischen Unterschied der zwei Formen (Iwnnen und
lesen) in dem Satze Ich habe lesen könneji nicht mehr zu
unterscheiden vermochte?
.*
Ganz entschieden. Und Ähnliches kommt im Sprach-
leben fortwährend vor.
34. Wir brauchen nur an den handgreiflichen Fehler
zu erinnern, der keinem harmlos Sprechenden zum Be-
wufstsein kommt, wenn er sagt Es gereicht mir zur he-
sondern Freude, ihn haben hegrüfsen zu dürfen^ und der
sich ebenso gewifs einbürgern dürfte wie die Formen
Ich habe lesen können u. s. w., wenn die Grammatik es
nicht verhütet.
Ferner führen eine sehr beredte Sprache die Wort-
und Satzformen, die heute Bürgerrecht erhalten haben,
aber auch eigentlich unehrlicher Herkunft sind: blechern ,
holzern j ihönern; während des; c'est moi (= es ist mich);
my mother's book (= Mutters Buch)] moi, je Vai fait (=
mich habe es gethan) etc. etc.
35. Dafs ims das Erkennen von Fehlern überhaupt
— 32 —
oft sehr grofse Mühe verursacht, beweist das folgende
Beispiel.
Man sagt
Er will 5 einmal gerade sein lassen*)
in der Bedeutung
Er will einmal annehmen, 5 sei gerade.
"Wünscht man nun zu sagen
Er will einmal annehmen, sie habe ihr Ziel jetzt erreicht
und wendet darauf den Ausdruck mit will — lassen an,
dann ist man geneigt, sich auszudrücken wie folgt:
Er will sie jetzt einmal ihr Ziel haben erreichen lassen
und ist sich gar nicht bewufst, dafs man einen groben
Fehler gemacht hat, ja eigentlich etwas anderes gesagt
hat, als man meint.
In Wirklichkeit mufs der Satz nämlich lauten
Er will sie jetzt einmal ihr Ziel erreicht haben lassen
und der andere Satz bedeutet eigentlich so viel als
Er behauptet, er habe sie jetzt einmal ihr Ziel
erreichen lassen
nach dem Vorbild:
Er will in der Stadt geivesen sein =
Er behauptet, er sei in der Stadt gewesen.
Wie der fehlerhafte Satz entstanden ist? Einfach
durch eine Verwechselung mit Sätzen ähnlicher, aber doch
verschiedener Art. Aus dem Satze
Er will das Buch fallen gelassen haben
entsteht ganz richtig, wie weiter unten noch auszuführen,
Er will das Buch haben fällen lassen.
*) Ich . . . lief 8 fünfe — gerade sein, Dr. Märzroth: Lachende
Geschichten (2tes Bändchen), Reclam, U.-B. No. 1304, p. 55,5.
— 33 —
Und ganz ebenso leitet man dann aus dem Satze
Er ivill sie ihr Ziel erreicht haben lassen
den fehlerhaften Satz ab:
Er will sie ihr Ziel haben erreichen lassen:
gar nicht fühlend und bedenkend, dafs hier die
Umgestaltung unmöglich ist, ja dafs durch die
Umgestaltung der Satz eine neue ihm ganz
fremde Bedeutung erhält.
36. Es ist überhaupt nichts schwieriger, als sich genaue
Rechenschaft zu geben über das, was man sagt und sich
zum Bewufstsein zu bringen, dafs und wie zwischen
Inhalt und Form des Gesagten Übereinstimmung herrscht.
Wäre das nicht der Fall, dann wäre ja auch der Unter-
richt in der Muttersprache der leichteste, den es giebt,
während er in Wirklichkeit der schwierigste ist.
37. Die Gesamtgeschichte unserer Form stellen wir
uns nun schliefslich vor wie folgt:
a) Bis in das 14te, löte Jahrhundert waren Sätze
der Form Er hat thun sollen nicht vorhanden, denn das
Particip der Modalhülfszeitwörter war noch nicht gebildet.
Man gebrauchte statt dessen Sätze der Form Er soll
gethan haben, indem man die Perfektbedeutung aus dem
Regens in den Infinitivus Obliquus verlegte. Von dieser
Ausdrucksweise giebt es noch einige Reste, besonders in
der Mundart. Man vergleiche das englische He ought
to have done it = Er hätte das thun sollen,
b) Im 14ten und löten Jahrhundert wurden zu den
modalen Hülfszeitwörtern schwache, bis dahin nicht vor-
handene Participia gebildet, und diese konnten denn nun
auch verwandt werden zu Sätzen der Form Er hat
(ge)sollt thun,
c) Das Zusammentreffen des Particips und Infinitivs
in diesen Satzformen mufs aber damals dem Sprachgefühl
3
— 34 -
etwas Ungewohntes gewesen sein. Thatsache ist, dafs
nicht so lange nach dem Auftreten der neuen Satzformen,
im 16ten Jahi^hundert, ein Schwanken entsteht und dafs
eine fehlerhafte Satzform auftaucht, in der die beiden
nicht flektierten Prädikatsteile dieselbe Form, nämlich
die des Infinitivs angenommen haben* Also kennt das
IGte Jahrhundert die beiden Formen Er hat sollen thun
imd Er hat (ge)sollt thun. Daneben ist auch noch die
andere älteste Form ziemlich üblich.
d) Aus nicht mehr erkennbaren Gründen wird die
fehlerhafte Form dann immer beliebter. Sie ist im
17ten Jahrhundert und von da an bis heute das allein
Gewöhnliche und damit das allein Richtige.
e) Sollte das Volk sich heute nun des alten Fehlers
wieder entledigen wollen, so könnte dem also wohl kaum
ein theoretisches Bedenken entgegengesetzt werden. Das
wäre dann allerdings eine Revolution auf sprachlichem
Gebiete, aber ohne Zweifel ebenso berechtigt, wie die
heute betriebene gewaltsame Entfernung fremder Be-
standteile aus der Sprache. Rückeet scheint uns so etwas
schon angestrebt zu haben. Das überaus häufige Auf-
treten der Satzform Er hat thun gesollt bei ihm ist
wenigstens entschieden mehr, als ein blofses Spiel des
Zufalls. Nachfolger in diesem Streben scheint er übrigens
nicht gehabt zu haben.
II.
1. Geben wir nun die näheren Bestimmungen über
die in Rede stehende Sprachform.
2. Regiert ein Zeitwort einen reinen Infinitiv, so er-
setzt es in seinen aktiven Perfektformen bei der gewöhn-
— 35 —
liehen erzählenden Wortfolge das sonst übliche Participium
stets durch den Infinitiv: allerdings mit vereinzelten
Schwankungen (worüber unten.)
Man sagt z. B. mit reinem Infinitiv
Ich will gehen,
und nun heifst es also im Perfekt statt
Ich habe gewollt gehen:
Ich habe wollen gehen,
und mit der heute üblichen Wortstellung
Ich habe gehen wollen.
b) Ebenso heifst das Plusquamperfektum:
Ich hatte gehen ^vollen,
c) Im Futurum Exj^ctum zeigt sich jedoch noch eine
beachtenswerte Eigentümlichkeit.
Heifst es zunächst:
Ich werde das gewollt haben,
so würde die regelrechte Form sein
*Ich werde gehen gewollt haben
und dann nach der gegebenen Regel
*/c/i werde gehen wollen habest.
Diese Form aber ist unmöglich, denn das verkleidete
Particip wollen duldet merkwürdiger Weise kein Hülfs-
verb hinter sich. Die wirkliche Form ist demnach:
Ich werde haben gehen wollen.
So heifst es bei Lessing, Juden I, 2 (nach Reclams Aus-
gabe in 6 Bänden, erster Band, p. 195 i^):
Freilich werden sie ihn haben umbringen wollen,
3. Das durch einen Infinitiv vertretene Particip, (in den
angeführten Beispielen wollen,) nennen wir im Folgenden
„Participersatz"
oder schlechtweg „Ersatz" (Plural: Ersätze), mit den
Weiterbildungen „ersatzlos", „ersatzhaft".
3*
— 36 —
4. Hat der regierte Infinitiv, in den angeführten Bei-
spielen gehen, umbringen, noch nähere Bestimmungen bei
sich (Objekte, Adverbialia), so treten diese unmittelbar
hinter den ersten, flektierten Teil des Prädikates, das
„Verbum finitum":
Er wird heute mit meinem Bruder in die Stadt
haben gehen wollen. Er wird sich dessen aus bekannten
Gründen nicht gerne haben erinnern wollen.
5. Aus der vorhin erwähnten Eigenart in Bezug auf
die Wortstellung folgt dann auch wohl die andere, dafs
der wirkliche Infinitiv der den Participersatz fordernden
Zeitwörter nicht gerne ein Hülfszeitwort hinter sich
duldet, wenn er hinter einem andern Infinitiv steht.
Man sagt
Wenn er das schreiben wird;
Wenn er das einmal können wird;
aber kaum wird es heifsen
Falls er das schreiben können wird,
sondern mit vorgesetztem wird:
Falls er das wird schreiben können"^).
Was Feodor Wehl sagt {Dunkle Blätter aus der
Geschichte Italiens, Reclams Univers.-B. p. llljß) . . . aus
der sie nach der Seite des Ufers zu ein weifses Ticch
heraushängen sehen werden dürfte somit wohl etwas selt-
sam anmuten. Dasselbe gilt von dem Satze Da ein
Experiment wiederholt werden können mufs (Deutsche
Ubers. von Renan, Leben Jesu, Reclams Un.-B. p. 34 J^).
Dagegen sagt Philipp von Zesen bereits in heute üblicher
Weise: dafs ich mich werde unterstehen dürffen, (Hochd.
Sprachübung p. XXX 3.)
*) BisMARCK, Reden, Reclams U.-B. p. 85 i : ... dafs die Erste
Kammer , . . kann durchsetzen wollen.
— 37 —
6. Hat das Perfekt zwei abhängige Infinitive bei sich,
von denen der eine dem andern wieder übergeordnet ist,
haben wir also das Perfekt der folgenden Sätze zu bilden:
Er mag das thun wollen;
Er kann das thun wollen;
Er will das thun müssen;
Er darf das thun wollen ;
Er darf das thun lassen;
Er mufs das thun lassen;
Er mufs das thun dürfen u. s. w.*)
so heifst dieses aus dem vorhin angegebenen Grunde nicht
*Er hat das thun wollen mögen,
sondern mit vorgesetztem Paticipersatz:
Er hat das mögen thun wollen;
Er hat es müssen thun können u. s. w.
Nur lassen, das in Bezug auf die Anwendung des Parti-
cips (wie weiter unten) allerdings vielfachen Schwankungen
unterworfen ist, scheint hiervon wieder eine Ausnahme zu
bilden.
Er hat ihn gehen lassen müssen;
Er hat es drucken lassen wollen;
sind wohl kaum zu beanstanden. Man merkt den Unter-
schied deutlicher, wenn man einander gegenüberstellt
Er hätte es drucken lassen können;
aber: Er hätte es können drucken wollen;
Er hätte es können drucken lassen wollen.
Auch die übrigen Zeitwörter, die in Bezug auf die
Anwendung des Participersatzes schwanken (besonders
hö7'en und lernen: sieh weiter unten), gestatten in dem
angegebenen Falle ein Hülfsverb doch wohl hinter sich:
*) Ibsen sagt z. B.: Wie soll ich das Unmögliche wollen können
Kaiser und Galiläer. Deutsche Übersetzung in Reclams U.-B. p. 116 ^].
— 38 —
Wen7i wir schwimmen lernen tvollen: Bismabgk,
Beden, Reclam p. 90 13.
Wenn wir ihn singen hören können.
7. Dafs der abhängige Infinitiv selbst im Perfekt
steht, kommt bei Perfektformen wohl kaum vor:
Er kann das geschrieben haben.
Doch wäre es vielleicht trotzdem möglich, wenn man sagte:
Das hätte er doch in zwei Stunden geschrieben
haben können.
8. Ist die regierende Perfektform passiv, dann tritt
der Participersatz nicht ein.
Ich habe ihn stehen lassen;
aber: Er ist stehen gelassen worden;
und auch: Er wurde stehen gelassen.
Von den Modalhülfszeitwörtern ist es nur lassen, das
ein solches Passiv gestattet. Der abhängige Infinitiv mufs
aber dann selbst aktive Bedeutung haben; also kann es
heifsen:
Der Vogel wurde fliegen gelassen;
Der Arzt wurde kommen gelassen;
Das Boot wurde schwimmen gelassen;
aber nicht:
Die Brücke wurde bauen gelassen;
Das Kind wurde taufen gelassen;
Das Buch wurde binden gelassen.
Dafs diese Passive unmöglich sind, ist wohl leicht ein-
zusehen. In dem Satze Ich lasse die Brücke bauen ist
Brücke nicht Objekt zu lasse, sondern zu bauen; ist es
aber nicht Objekt zu lasse im aktiven Satze, so kann es
auch nicht Subjekt zu lasse sein im passiven.
(Im Englischen und Niederländischen sind diese Passive
überhaupt nicht entwickelt. „He was let come^ ; „Hij
— 39 -
tverd gelaten komen^^; oder etwa „Hij werd komen gelaten^
sind unmöglich.)
9a. Keinen Unterschied macht es, wenn ein Infinitiv
von zwei Perfektformen abhängig ist:
Er hat es thun wollen und können.
9b. Auch können mehrere oblique Infinitive zu einer
regierenden Perfektform vorhanden sein, ohne dafs ein
Unterschied stattfände; z. B.
Er hat die Tltür ausbessern, anstreichen und dann
noch einmal als neu verkaufen lassen.
Nur darf wie bei allem so auch hier „diu mäze" nicht
aus den Augen verloren werden.
Was Immekmann schreibt {Oberhof , Ausgabe der
CoUection Spemann, p. 655):
Der Vater hat später gehen, kommen, sich kleiden
ivie, vornehmen können, was er gewollt
ist wohl nicht zu empfehlen.
Hier kann es dann auch vorkommen, dafs der Ersatz
zu dem ersten Obliquus tritt:
Er hat schreiben können und rechnen.
So heifst es in der deutschen Übersetzung von Ibsen,
Kaiser u, Galiläer, (Reclam) p. 119^0:
Ich habe ein Weib gesund aus der Kirche gehen
sehen und den Gott der Oaliläer preisen.
Und J. C. BiERNATZKi sagt {Der braune Knabe. Meyers
Volksbücher, No. 513— 517; [1839] p. 2328):
, . .wo ich in der Kraft Gottes . . . hätte einhertreten
sollen und darein reden und zeugen von ihm.
9c. Auch kann es vorkommen, dafs in einem „zusammen-
gezogenen" Satz eins der Prädikate einen Ersatz hat.
Dadurch entsteht aber ebenfalls kein Unterschied in der
Behandlung derselben.
- 40 —
Er hatte manclies Oute getlian, oder doch von Bern'
Stoff, seinem berühmten Minister thun lassen.
MüGGE, Vogt von Sylt, Reclam p. 145 13.
Hätte er . . . zu de^n . . . für ihn . . . Nöthigen gerathen
oder zu Hause bleiben wollen.
(Nebensatz mit der Wortstellung des fragenden Haupt-
satzes).
"Wilhelm Ostekwald, Cicero: Pflichten; Leipzig,
Leuckart, 1874; p. 154 ^
Er hat beide tveinen sehen, beide schreien gehöret,
und sie doch trennen können.
(Diderot, der Hausvater; [Reclam p. 69 s] übersetzt von)
G. E. Lessing.
10. Auch bei der einfachen fragenden Wortfolge des
Satzes findet kein Unterschied statt, da das Subjekt
dann nur hinter den ersten flektierten Teil des Prädi-
kates tritt:
Wird er es haben thun wollen?
IIa. Häufig kommt es nun im Deutschen vor, dafs
zur besonderen Hervorhebung das Prädikat an die Spitze
des Satzes tritt:
Lügen konnte er unerhört;
Thun will er es, aber wie!
Geschrieben hat er eine Stunde, gelesen zwei,
Geschrieben hat er kein Buch, wohl hat er eins
herausgegeben.
So sagt Von der Gabelentz: Durchgrführt ist sie
noch öfters worden (Sprachwissenschaft, 1891; Seite
II613);
ferner Hekdek: Verworfen konnten alle nicht werden
(Ursprung der Sprache, Meyers Volksbücher p. 561^;;
Goethe: Tanzen mufs man sie sehen (Werter, Meyers
— 41 —
Volksbücher p. 18 js); Mügge: Verfälschen läfst sich so
etwas nicht (Der Vogt von Sylt] Recl. Univ.-Bibl. p. 140').
Ferner:
Vorstellen kann sich das jeder wie er Lust hat. Reichs-
TAGSEEDEN, p. 151 1 (LiEBKNECHT).*)
Oeschützt sein wollen wir alle, Bismakck (Meyer)
p. 22915.
Reiten wird es schon können. Bismakck (Meyer), p. 67 7.
Ausschliefsen können sie aber auch 21 Regierungen
eben so wenig. Bismakck (Meyer) p. 55 6.
b. Auch das Verbum Finitum steht so wohl an der
Spitze :
Schreibt er doch schon 2 Stunden.
HaV ich den Markt und die Strassen doch nie so
einsam gesehen: Goethe.
Steht das Modaladverb doch nicht im Satze, dann
tritt Umschreibung mit thiin ein. So sagt Salzäiann
{Krebsbüchlein, Recl. Univ.-Bibl. p. 68 8):
Verstehen thut er auch nicht viel.
Ferner:
Kochen thut sie, aber waschen niemals.
J. VAN Devall, Im Bivouak; Berlin, Otto Janke, p. 96 5.
c. Ein Participersatz tritt indessen so nie
an die Spitze.
"^Wollen hat er das thun, nicht müssest
ist unverständlich. Höchstens kann man sagen mit dem
eigentlichen Particip und dann ohne obliquen Infinitiv
Oewollt hat er es, nicht gemufst
d. Auch in einem Passivsatz kann das Particip oft nicht
an die Spitze treten. Es wird schwerlich heifsen können :
Verkauft ist das Haus worden, nicht vermietet.
*) Sieh in dem S. 76 beginnenden Verzeichnis die No. 86.
— 42 —
12 a. Wohl kommt es aber vor, dafs der oblique
Infinitiv an die Spitze tritt:
Schreiben konnte er ausgezeichnet^
vortragen aber nur schlecht
b. Aber wie heifst nun das Perfekt davon? Die Form
mit Ersatz:
Schreiben hat er ausgezeichnet Jcönnen,
vortragen aber nur schlecht,
läfst sich zwar belegen.
So sagt E. WiCHEKT z. B. in seiner Novelle ,^FUr tot
erUärf' (Red Univ.-Bibl. p. 39i):
Aufdringen habe ich mich nicht wollen;
und weitere Belege fanden wir in Ebebhabd, Hannchen
und die Küchlein (Ausg. von 0. Hendel, Halle; 6 ter Ge-
sang, Vers 15G):
Stören nicht hättest du können;
• „Fliegende Blättek" (Nummer vom 1. Okt. 1893,
p. 124): Zurücklassen hat er sie doch müssen;
Feitz Bkentano, Heitere Geschichten, (Recl. Univ.-
Bibl., 4tes Bändchen p. 56 ii):
Aber tvissen hätte er mögen.
Doch macht diese Konstruktion einen unverkennbar
fremdartigen, wenn nicht gar fehlerhaften Eindruck.
Es fragt sich eben, ob die Adhaesion zwischen obliquem
Infinitiv und Participersatz stark genug ist, um den
letzteren als solchen zu erhalten. Soll es denn nun heifsen
Schreiben hat er ausgezeichnet gekonnt^
vortragen aber nur schlecht?
Auch dies wird in der Verlegenheit geschrieben und
ist belegbar; Ebekhard schreibt in derselben Idylle, aus
der eben das Beispiel mit Ersatz angeführt worden ist
(Gesang X, Vers 62):
Fortgehn hab er gewollt und sei wie gefesselt gewesen-
- 43 —
Aber diese Form hat ebenfalls etwas gegen sich, da
doch durch den ganzen Satz der Einflufs des an die
Spitze getretenen obliquen Infinitivs fühlbar ist, eben
weil er ja durch seine bevorzugte Stellung und die scharfe
Betonung die Aufmerksamkeit in hervorragendem Mafse
auf sich lenkt.
Wie soll man es denn nun aber hier machen, wenn
weder das eine noch das andere tadellos ist? Wir
zucken mit den Achseln und bleiben die Antwort schul-
dig. Wir wissen es nicht. Selbst würden wir der Eorm
auf irgend eine Art aus dem Wege zu gehen suchen.
c. Im Futurum Exactum wäre die Verlegenheit noch
gröfser :
Er wird ausgezeichnet haben schreiben können.
Wir lassen es dahingestellt, welche Form hier wohl
gewählt werden wird :
'^Schreiben wird er ausgezeichnet haben können;
oder
^Schreiben wird er ausgezeichnet gekonnt haben.
Wenn wir Heedek richtig beurteilen, so würde er in
diesen Formen, die wir übrigens aus ihm nicht haben
belegen können, ohne Zweifel den Participersatz gewählt
haben. Denn er wagt es zu sagen:
Ein andrer Verteidiger der gegenseitigen Meinung
fragt, wie doch je die Menschen aus Notdurft ihre
Sprache hätten fortbilden wollen, wenn sie Lukrezens
Mutum et turpe pecus gewesen wären? und läfst sich
auf eine Menge halbwahrer Instanzen der Wilden ein.
Ich antworte bloß: Niemals! Niemals hätten sie es
wollen und können.
Der oblique Infinitiv, der bei Hekdee also zwei Par-
ticip-Ersätze {wollen und können) erzeugen konnte, war
von diesen durch 28 Wörter getrennt und wirkt selbst
— 44 —
über ein Fragezeichen, einen Punkt, einen Doppelpunkt
und ein Ausrufungszeichen hinaus.
14. Eine bestimmte Form hat sich hier jedenfalls
noch nicht festgesetzt; und ob und vrie das überhaupt
geschehen wird, darüber wagen wir vor der Hand noch
keine Meinung zu äufsern.
15. Es kommt auch vor, dafs der oblique Infinitiv in
Gedanken zu ergänzen ist; z. B.
Warum hat er das Haus denn niclit gekauft, er
konnte ja (das fehlende Geld leihen).
"Wie heifst nun hiervon das Perfekt? Soll man sagen
Er hätte ja können ?
Zu rechtfertigen wäre dies schon. Der oblique, den
Ersatz hervorrufende Infinitiv stände dann nur hinter
dem Ersatz, allerdings gegen den heutigen Sprach-
gebrauch, aber doch in Übereinstimmung mit dem älteren
(wie weiter unten). Indessen hat die Form für uns
selbst etwas Anstöfsiges und wir möchten sie lieber
nicht gebrauchen. Doch mögen andere darüber ab-
weichender Ansicht sein. "Wenigstens fanden wir in der
deutschen Übersetzung von Ibsen, Kaiser und Oaliläer
(Reclams Univ.-Bibl. p. 118 12):
Hält er die Zügel des Weltenwagens in seiner Hand,
so hätte er ja können —
16a. Genau dasselbe gilt von den Fällen, wo der
oblique Infinitiv aus dem Vorangehenden zu ergänzen ist.
Uns selbst widerstreben Sätze wie die folgenden:
Ich hätte ihm befehlen mögen, wie ich hätte mögen,
es hätte nicht gesungen : Hauff, Mann im Mond (Meyers
Volksb. p. 50 jo).
Ohne sie hätten wir anzetteln können, was wir
hätten tvollen, tuir hätten doch nichts zuwege gebracht:
Hauff, Mann im Mond (Meyers Volksbücher p. 107 lO).
— 45 —
Mufst eleu auch mürV werden; haben's alle müssen;
dagegen hilft nichts:
Heemine Ylllingee, Unter Bauern (Engelhorns
Romanbibliothek p. 923).
Uns persönlich ist nur geläufig ein Satz der folgenden
Form :
Er hätte bitten können, wie er gewollt hätte, ich
würde es nicht gethan haben.
16 b. Steht kein obliquer Infinitiv bei der Perfekt-
form, ist auch kein solcher in Gedanken zu ergänzen,
dann sollte man meinen, sei das Auftreten des Ersatzes
ganz ausgeschlossen.
Also:
Hast du denn nicht gekonnt?
Er hätte gedurft, ivenn er nur gewollt hätte etc.
Trotzdem treten auch hier Participersätze vereinzelt
auf, und zwar, wie es scheinen will, besonders im Dialekt
und dann auch in den vom Dialekt entweder stets oder
nur bei besonderen Gelegenheiten mehr als gewöhnlich
beeinflufsten Schriftstellern.
Jebemtas Gotthelf {Uli der Pächter. Reclams XJni-
vers.-Bibl. p. 206 12):
Was habe ich anders wollen.
L. F. Meissner {Aus den Papieren eines Polizeikom-
missärs. Reclams Univers.-Bibl. No. 3304 p. 348):
Ja, ivas er denn nacher wollen.
Dieser „absolute Ersatz" zeigt sich aber nur bei den
Hülfsverben des Modus: die übrigen Zeitwörter, die den
Ersatz aufweisen, lassen ihn nur bei begleitendem Obli-
quus zu.
17. Was nun die Wortstellung betrifft, so ist die in
den oben gegebenen Beispielen heute durchgängig Regel.
— 46 —
18. Daneben kommt aber auch noch hin und wieder
eine ältere vor, nach welcher der Participersatz vor den
obliquen Infinitiv tritt.
Es hiefs also früher nicht
Er hat schreiben können,
sondern
Er hat können schreiben.
So sagt z. B. Erasmus Albebüs {Fabeln; Ausg. von
Max. Niemeyer, Halle a.S. 1892; p. 31 ^^):
Vnd hett ich jhn gleich können dir betrüben;
ferner Chbistian Weise {Erznarren, Halle, M. Nie-
meyer, 1878; p. 188^4):
Er hätte seine Meinung viel deutlicher können von
sich geben, so hat er was sonderliches wollen vorbringen.
Beispiele aus der heutigen Litteratur sind selten.
Doch fanden wir noch
Ich habe müsseyi zuhören Sie herabsetzen.
Goethe {Werler. Meyers Volksb. p. 60 le).
Er hatte sie müssen befreien. Renaed,
Ist der Mensch frei. (Deutsche Ubers. Recl. p. 969).
19. Dafs die Poesie die ältere "Wortstellung noch
häufiger zeigt, braucht dabei nicht aufeufallen. Die Poesie
ist ja überhaupt eine Pflegestätte alter, ehrwürdiger
Sprachbestandteile, die vor dem Geräusch des Tages
schon längst die Flucht haben ergreifen müssen. Auch
im Kanzelstil dürfte sie sich aus demselben Grunde noch
öfter vorfinden, ganz abgesehen davon, dafs auf ihn auchnoch
LuTHEBs Sprache einen ganz mächtigen Einflufs ausübt.
Aus der neueren Poesie sei hier angeführt:
Hätt ich sie gleich doch können begleiten. Eber-
HAED, Hannchen u. die Küchlein, X, 147;
Längst hätV ich's wollen ersetzen. Derselbe, I, 135.
— 47 —
20. Auch im Schweizerdeutsch scheint uns die ältere
"Wortstellung, wenn nicht geradezu Regel, so doch noch
sehr beliebt zu sein; wenigstens, wenn wir nach demjenigen
urteilen dürfen, was wir in dem Lesehiiclijür schweizerische
Secundarschülen von Fb. Edingee (Bern, Nydegger und
Baumgart, 1894), Band I p. 124 fanden:
„S'si aber au zweu schöni Filii gsil^' macht der
Bur und het si kei Äugehlik in sir Ärhet lo störe.
Femer steht
S. 125 16: Het aber nit vil lo merke.
S. 125 13: Und was er ihm heig welle bringe.
S. 1258: Und de Bur het si in erste Teil
ordli chönne schicke.
S. 126*4: j£et der Chopf lo hange.
Wenn dem so wäre, so hätte es ebenfalls weiter nichts
Auffallendes an sich, da sich in der Yolksmundart, die
in ihrer Entwickelung stets nur wenig von der Schrift-
Sprache beeinflufst wird, Überbleibsel des älteren Sprach-
standes in grofser Anzahl vorfinden.
21. Nicht besonders merkwürdig, wenn auch gewifs
beachtenswert ist es also femer, dafs das Niederländische,
das sonst durchgängig auf viel jüngerer Stufe der Ent-
mckelung steht als das Deutsche und sich in manchem
bereits bedenklich dem Englischen nähert, (ebenso wie
das Nordische) die ältere Wortstellung durchaus be-
wahrt hat:
Hij heejt niet willen kamen;
Han har icke velat komma;
Er hat nicht kommen wollen.
Nur in einem Falle ist die ältere Wortstellung noch
in gewöhnlicher Sprache möglich; in einem Satze nämlich
wie der folgende
Er hat das sollen und müssen thun,
— 48 —
wo zur besonderen Hervorhebung die regierenden Per-
fecta vorgesetzt sind. Oder auch, wenn bei mehrfachem
Obliquus durch die veränderte Wortfolge ein besonderer
Nachdruck auf denselben gelegt werden soll:
Du hast mich gelehrt heben und flehen. Biernatzky
{Der braune Knabe. Meyers Volksbücher No. 513 — 517)
p. 267 1^.
22. Sollen wir den Verlauf des Überganges der älteren
Wortstellung in die neuere der Zeit nach etwas genauer
bestimmen, so möchten wir sagen:
Die Stellung des Participersatzes vor den obliquen
Infinitiv war im 16ten Jahrhundert wohl durchgängig die
Regel; im 17ten Jahrhundert wird die Wortstellung lang-
sam schwankend; gegen Ende des 18ten Jahrh. bricht
sich die neuere immer mehr Bahn, besonders bei Goethe
und heute ist sie als ausschliefsliche Regel zu betrachten.
1) Hat das volcJc von Israel mugen bestehen. Luthee,
An den christl. Adel. Halle, 1877 p. 78i9.
2) Und er hat müssen sjnnnen für großer Liebe.
Luthek; Neubauer II; p. 77 ^i.
3) Kei7i Turck het welschlandt ßo mu^en vorterben
und gottis dienst figderlegenn. Luthee, An den christl.
Adel; Halle, 1877 p. 19 »^
4) Ich hab auch dürffen leut angehn. E. Albeküs,
Fabeln; Niemeyer p. 51 ».
Doch kommt daneben auch schon vor:
1) Wie oßft habe ich deine Kinder versamlen wollen
Vnd jr habt nicht gewolt. Luthee, Matth. 23, 37.
2) So haben sie auch irren mögen. H. Sachs, Dia-
loge^ p. 25 N.
Das 17te Jahrhundert wird durch das Folgende
charakterisiert:
— 49 —
1) Vnd VHS das blutige heginnen der Waffen nicht
hat tilgen können, Opitz, Poeterey; Niemeyer, 1882;
p. 51 12.
Hiernehen habe ich auch nicht sollen vnverwehnet
lassen. Ders. p. 59^.
2) Weil er hat wissen sollen. Weise, Erznarren,
Niemeyer, p. 224; X.
Ja, er hätte es sollmi wissen. Derselbe: 2 Zeilen
darunter.
3) Man hat es aber aussetzen müssen. Canitz, Aus-
gabe Königs, 1727. (Königs Neuer Vorbericht,
p. XLn4.)
Für die neuere Wortstellung sei angeführt:
Hätte sie ihn einer ihrer Freundinnen verheiraten
dürfen, hätte sie hoffen können auch sein Verhältnis
gegen Albert ganz wieder ho'zitstellen. Goethe, Werter
p. 93 18. (Meyer).
Du hättest für mich ein paar Wege gehen müssen.
Salzmann, Krebsbüchlein, Reclams Univ.-Bibl. p. 89 le.
23. Am längsten hielt sich die ältere Wortstellung,
wenn der oblique Infinitiv zusammengesetzt war, also in
Sätzen wie
Ur hat das müssen verkaufen lassen;
Das Haus hat können verkauft werden.
So sagt auch Lessing, Dramaturgie, (Ausgabe 0. Hendels
in Halle, p. 57i3): Quinault hätte es bei dem zweiten
können bewenden lassen.
Aber auch hier trat allmählich der Participersatz
hinter die obHquen Infinitive. Man vergleiche:
a) Er hätte die Fliädra allein sollen rasen lassen.
Gottsched, Cato, (Reclam) p. 102 1 4.
— 50 —
b) Wie hätte sich dieser Kaiser sollen in den Sinn
kommen lassen, Schillee, Dreifsigjähriger Krieg ^
(Reclam) p. 14 20.
a') Er hatte sich ja seine Herzensfreude nicht merken
lassen dürfen. Haupf, Mann im Monde, (Meyers Volksb.
p. 91 16).
b') Ich hätte ihn hier töten lassen sollen, Ibsen,
Kaiser u. Galiläer, deutsch; (Reclam) p. 87i7.
24. In Fällen dieser Art läfst Wetzel — jedenfalls
gestützt auf F. Becker — die ältere Wortstellung noch
neben der jüngeren zu: aber wir glauben wohl nicht ganz
mit Recht, wenn wir übrigens den neueren Sprachgebrauch
richtig beobachtet haben und in der Beurteilung unserer
eigenen Neigung in solchen Fällen nicht fehlgehen.
25. Hat der oblique Infinitiv noch Objekte oder ad-
verbiale Bestimmungen bei sich, so ist die Wortstellung
von je her bis heute den mannigfachsten Schwankungen
ausgesetzt gewesen: indem der Participersatz zuweilen
vor, zuweilen hinter die Objekte oder adverbialen Be-
stimmungen trat. Opitz sagt:
HaV ich sie wollen hier an leichte reine wenden,
(Poeterey, p. 462.)
und Clauren, Mimili (Reclam p. 49 1 3) :
Alle Felsen . . . haben müssen Euren Namen nennen.
26. Interessant und lehrreich ist ein Vergleich der
altern mit der Jüngern Wortstellung in Bezug auf die
Häufigkeit ihres Vorkommens bei einem und demselben
Schriftsteller. In seinem j,Mann im Mond" schreibt Hauee
(Meyers Volksbücher, p. 52^):
Er hätte vor Schrecken in den Boden sinken mögen;
und diese Wortstellung fanden wir in dem ganzen Werke
noch in zwölf anderen Beispielen: p. 649, 64^, 91 14, lOlii,
11021, Ulli, 12010, 1333, 1412, 1474, 1572, 2145.
— 51 —
Dagegen sagt er p. 29i:
Sie hätte mögen die paar Zöllchen breite Kluft
durchfliegen;"^)
und diese Wortstellung fanden wir in dem ganzen Werke
noch in sieben andern Beispielen: p. 318, 38io, 679, 83 ^
936, 1312, 1809.
Die Häufigkeit des Vorkommens der älteren Wort-
stellung verhält sich also in dem genannten Werke zu
der des Vorkommens der jüngeren wie 8:13.
27. Es versteht sich von selbst, dafs die obigen Kegeln
auch für die Nebensätze gelten, natürlich allerdings mit
den für deutsche Nebensätze geltenden Eigenheiten be-
züglich der Wortfolge.
Im erzählenden Hauptsatze heifst es:
Ich will gehen;
im Nebensatze heifst es
Wenn ich gehen will.
Im Hauptsatze ferner
Ich habe gehen wollen;
Im Nebensatze nun aber nicht
Wenn ich gehen wollen habe,
da der Participersatz kein Hilfsverb hinter sich duldet,
wie oben ausgeführt, sondern
Wenn ich habe gehen wollen;
Wenn er wird haben gehen wollen.
Wir haben nur ein einziges Beispiel gefunden, in dem
*) Er hat mir geiuollt das Geld avs der Tasche reifsen. Eduard
PÖTZL, Kriminal- Humoresken 1 Erstes Bändclien, Reclams Ü.-B.
No. 1905 p. 75 13.
4*
— 52 —
das HülfisTerb hinter dem Participersatz steht wenn wir
übrigens die Stelle richtig beurteilt haben: 'Karls V.
Halsordnung (Ausgabe von KecL in dessen Unir.-BL)
p. 9 ^^: Thun kundt allermeniglich .... dafs icir .... den
Äbschiedt jetzt gehalten Eeichßtags zu Begenspurgk ....
im truck zubringen heudhen lassen haben; das heilst:
^. • . . dafs wir haben befehlen lassen, den Abschied des jetzt
gehaltenen Reichstages in Druck zu bringen.'^
28. Hat ein Satz keine Objekte oder adverbialen Be-
stimmungen^ so fallt dadurch der kennzeichnende Unter-
schied zwischen Haupt- und Nebensatz hin. Man ver-
gleiche nur:
Hauptsatz:
Er wird haben schreiben wollen,
Nebensatz:
Wenyi er wird haljen schreiljen wollen.
29. Nur bei vorhandenen Prädikatsbestimmungen wird
der Unterschied wieder deutlich; z. B.
Er wird den Brief haben schreiben wollen,
Wenn er den Brief unrd haben schreiben wollen^
nach der allgemeinen Regel: Im Hauptsatz treten Prädikats-
bestimmimgen hinter das Verbum Pinitum, im Neben-
satz vor dasselbe.
30. Hin und wieder kommt es auch vor, dafs in diesem
Falle selbst in Nebensätzen die Prädikatsbestimmungen
hinter das Verbum Finitum gesetzt werden, vielleicht
weil man instinktiv bestrebt ist, die zu grofse Aufeinander-
häufung der konstituierenden Teile des Prädikates am
Satzende zu vermeiden:
Wenn man den Österreichern den Einzug hätte
verwehren wollen;
— 53 —
oder auch:
Wenn man hätte den Österreichern den Einzug
verwehren wollen;
oder auch:
Wenn man den Österreichern hätte den Einzug
verwehren wollen.
Der charakteristische Unterschied zwischen Haupt-
und Nebensatz fällt dann allerdings wieder hin.
31. Da dieser Unterschied in der Wortstellung zwischen
Haupt- und Nebensatz erst langsam entstanden und z. B.
in Luther noch nicht zu völliger Durchbildung gelangt
ist, so halten wir in solchen Sätzen die jetzt ungewöhn-
liche Wortstellung für älter als die andere.
Als kennzeichnend für Luthees Wortstellung führen
wir an:
1 Corinther 1, 5: Das jr seid durch jn an allen stücken
reich gemacht
1 Cor. 1, 8: Welcher auch wird euch fest behalten bis
ans ende.
Joh. 18, 14: Es were gut, das ein Mensch würde mnb-
bracht für das Volck.
Jeremias 29, 4: So spricht der Herr . . . zu allen Ge-
fangen, die ich habe von Jerusalem lassen wegfüren gen
Babel
Jeremias 29, 22: Das man wird aus den selbigen einen
Fluch machen vnter allen Gefangen aus Juda.
Ferner sind kennzeichnend die Stellen: Jeremias
29, 26; Jerem. 29, 32; Jerem. 30, 10.
Allerdings setzt Luther im Nebensatze die Negation
und Pronomina vor das Finitum, und zwar stets, so weit
wir gesehen haben.
32. Besteht das Prädikat aus einem Zeitwort mit
notwendigen Begriffsergänzungen z. B. zu stände bringen,
— 54 —
aus dein Wege räumen, in stand setzen etc. oder aus
einem Adjektiv oder Substantiv + sein, werden, bleiben,
dann stellt man das Finitum wohl am liebsten vor die
Ergänzung:
Wenn er das hätte zu stände bringen können. Wenn
er untöT den Umständen hätte glücklich sein können.
Falls ei' in einem Jahr schon hätte Oberst sein sollen; etc.
33. Ist der oblique Infinitiv passiv oder anderswie
zusammengesetzt, dann wird der Participersatz auch noch
wohl vor den obliquen Infinitiv gesetzt.
Hauptsatz:
Der Brief hat geschrieben werden können.
Der Brief wird haben geschrieben werden können.
Nebensatz:
Wenn der Brief wird haben geschrieben werden können;
oder auch:
Wenn der Brief wird haben können geschrieben werden.
Und bei etwa vorhandenen Prädikatsbestimmungen:
Wenn mein Bruder heute vom Arzt wird haben be-
handelt werden können,
oder auch: . . . wird haben können behandelt werden.
Enthält der Obliquus ein Hilfsverb des Modus, dann
mufs der Ersatz vorstehen:
Wenn er das liätte können drucken lassen dürfen;
Wenn er das hätte wollen drucken lassen können.
Zu belegen sind freilich diese verwickelten Infinitiv-
formen schwer, da sie zu weitschweifig sind, um sich ein-
bürgern zu können. Sie sind jedoch richtig gebildet und
die Sprache läfst sie jedenfalls zu.
— 55 —
34. Häufig wird nun nach althergebrachtem Brauch
im deutschen Nebensatz das Verbum Finitum ausgelassen,
und zwar nicht nur dann, wenn der etwa folgende Haupt-
satz mit demselben Verbum Finitum beginnt, so dafs
ein Zusammentreffen zweier gleichlautenden Wörter aus
stilistischen Gründen zu vermeiden wäre, sondern über-
haupt.
35. Von den Schriftstellern unserer Tage scheint
Feanzos noch am meisten diesem Gebrauche zugethan
zu sein. In seiner Novelle Die Hexe (Ausgabe in
Eeclams Univ.-Bibl. No. 1280) bietet er gleich auf der
ersten Seite in sieben Zeilen nicht weniger als vier Bei-
spiele dafür. Führen wir sie eben an: Ich dachte des
ärmlichen Städtchens, in dem ich gehören, und der ein-
Samen Heide, über die ich geritten und der stillen tief-
dunMen Weiher, an denen ich geruht Und vor allem der
düstern Klosterschule, da mir die Patres Dominikaner
unter guten und hösen Schlägen das Geheimnis der Buch-
stahefn und Zahlen erschlossen.
Andere interessante Beispiele aus der heutigen Litte-
ratur finden sich in Sosnosky, Spr achwart (Breslau;
Trewendt, 1894); p. 99.
36. Dieser Gebrauch, der um die Glitte des 16ten
Jahrhunderts begann, war ehemals viel beliebter als heute
(: Poeterey, p. 4ii, 5 ^ 6^, 11 9, 16 ^ etc.). Man macht wohl
keinen Fehler, wenn man sagt, er sei gegen Ende des
1 7 ten Jahrhunderts und bis gegen die Mitte des vorigen
Jahrhunderts geradezu das allein Übliche gewesen. Canitz
und Teiller wenigstens kennen keine andere Konstruk-
tion und auch bei Lessing ist die Auslassung noch Regel
[Die Dramaturgie, Ausgabe von 0. Hendel in Halle,
hat Belege dafür auf den Seiten 5 5, 6^ 79, 88, 2923, 63
(vier! Beisp.) 68 (vier! Beisp.)]. Wüstmann hat also
— 56 —
Unreclit, wenn er, nach dem Wortlaut seiner Darstellung
zu schliefsen (p. 165) annimmt, die Weglassung sei ziem-
lich jungen Ursprungs und werde häufiger. Gerade
das Umgekehrte scheint uns der Fall zu sein : Die Neben-
sätze mit unverkürzten Prädikatsformen sind jünger, als
die mit verkürzten, und daher erklärt sich denn auch als
etwas ganz Selbstverständliches, was selbst Wustmann
zugiebt, dafs die verkürzten Formen für die Poesie und
überhaupt den höhern Stil als ganz angemessen betrachtet
werden müssen.
37. Besonders in einem Falle kann man heute der
Formen des „Hattewarstils^'^ nicht mehr entraten; dann
nämlich, wenn das Prädikat ein Zeitwort mit Particip-
ersatz enthält.
Kann es (zur Not) noch heifsen
Wenn er diesen Brief selbst geschrieben, will ich ihn
anstellen;
so ist es doch heute unmöglich, sich anders auszudrücken
als mit beibehaltenem Verbum Finitum in dem Satze
Wenn er diesen Brief selbst hat schreiben lcön7ien,
will ich ihn anstellen.
38. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert blieb
der Sprachgebrauch vor dieser Schranke aber nicht
stehen. Auch in einem solchen Falle liefs man das
Verbum Finitum durchgängig aus:
Wenn er diesen Brief selbst schreiben Tcönnen, will
ich ihn anstellen,
wie aus LessdsG ja hinlänglich bekannt ist.
39. Bemerkenswert ist es, dafs Herdee, Goethe
und Schiller die hülfsverbhaften Formen im geraden
Gegensatz zu LessdsG nicht allein bevorzugen, sondern
fast ausschliefslich gebrauchen: ob bewufst oder un-
— 57 —
bewufst, absichtlich oder zufällig haben wir freilich nicht
erkennen können.
40. Bleiben wir bei dieser Form, welche wir nach dem
bedeutendsten Schriftsteller, der sie in ausgiebiger Weise
verwandt hat,
„Lessingsatz"
nennen wollen, einen Augenblick stehen.
41. Das älteste Beispiel dieser Art, das wir belegen
können, stammt aus dem Jahre 1582 und ist angeführt
in CuET Müller, Hexenäberglauhe (Ausg. von Reclam,
Univ.-Bibl. p. 139 6):
Und einer Frauen ...._, tvelche ihr ein Schwein
schlachten sollen;
das jüngste aus dem Jahre 1850: Fkiedrich Bülau,
Geheime Geschichten (Ausgabe von Reclam, Leipzig;
2tes Bändchen p. 8819):
Wenn der Graf selbst nach seinem Tode diesen
Namen durch ihre Briefe offenkundig werden lassen.
Der „Lessingsatz" ist also jedenfalls etwa drei Jahr-
hunderte bekannt und mehr oder weniger üblich gewesen,
und erst in unserer allerjüngsten Zeit gänzlich aufser
Gebrauch gekommen. Im 17ten Jahrhundert — möchten
wir sagen — wurde er mehr und mehr beliebt, bis er
gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts in Lessing
seine weitgehendste Verwendung fand und dann gegen
Ende des Jahrhunderts langsam immer seltener wurde
und endlich etwa am Anfange dieses Jahrhunderts oder
wenig später gänzlich verschwand.
Einige Beispiele dürften dies wohl belegen:
Opitz, Poeterey (Halle, Niemeyer p. 5423): So viel ist
es, was ich von vnserer Poesie auffsetzeyi wollen,
Ders. p. 552 .,das sie,..aufskommen lafsen.
— 58 —
Zesen^ Spraack-übmig (Hamburg 1643) p. XVI 8 : Di/s
aber kann keiner beweisen, dafs sie eben selbige Wörter
nicht mit ihren eignen und angebohrnen auch aussprechen
können. (Aus dem Zusammenhang erhellt, dafs man es
hier mit einem Perfekt, nicht mit einem Praesens zu
thun hat.)
Asiatische Banise (Ausgabe vom Jahre 1738; Leip-
zig, Eckart) p. 8 3: welche der tyrannische Cliaumigrem , . ,
in denfluß werfen lassen.
Eben daselbst andere Beispiele p. 8 §, 8i, 9^, 129,
127, 247, 952, 5259.
SiMPUcissiSMUs (Neudruck, Halle; Niemeyer) p. 94 *:
,.,,die den Boden helffen eintreten.
Eben daselbst andere Beispiele p. 39 ^ö, 46i9, 85i5.
Weise, Erznarren (Neudruck, Halle; Niemeyer) p.
43 15: Ein ander kriegte den Abschied, weil er behaupten
wollen.
Weise, Tobias u. d. Schwalbe (Ausg. Reclams Univ.-
Bibl.) p. 76io: Er gehöret gewifs unter die Juden, welche
.... das neu£ Testament in einem Felsen gefunden, und
sich dahero tauffen lassen.
Canitz (Ausgabe Königs vom Jahre 1727) p. XXII2:
In unsrer neuen Vorrede wird der Leser finden, wie weit
der Frey-Herr von Canstein dieses sagen können.
Eben daselbst andere Beispiele p. XXVI i*: p.
XXIXs; p. XXXVII21; p. XXXVIII8+12; p. XL?;
p. LIV17; p. CCIX9; p. 510; 7 1»; 190 7.
Trillek, Fabeln (Ausgabe vom Jahre 1750: Hamburg,
Herold) p. 2 5 („Neue Vorrede") Weil mich aber sowohl
viele Verrichtungen .... zur wirklichen Vollziehung dieses
Vorsatzes nicht kommen lassen wollen (Aus dem Zu-
sammenhang ergiebt sich das Perfekt.)
— 59 —
Eben daselbst andere Beispiele p. 3 i^ („Neue Vor-
rede"); p. 1213 („Neue Vorrede"); p. 13 8+^2 („N. V.");
p. 2014 („Vorbericht zur ersten Ausg."); p. 175 („Vor-
bericht zur ersten Ausg.") [Die Seiten der Vorreden
sind nicht numeriert.]
Dann folgen Lessing, Goeze, A. G. Meissneb (der
Verfasser der „/S/a>^en") mit einer überwältigenden An-
zahl von Beweisstellen und dann fängt die Abnahme
an: Im Werter (1774) steht ein Beispiel (p. 66 1 der Aus-
gabe in Meyers Volksbüchern); in Heedees Abhandlung
„cZter den Ursprung der Sprache^'' (1770) kein ein-
ziges.
Ein Beispiel aus dem Jahre 1808 sei noch angeführt
der Person wegen, die es bietet. Adelung sagt in seinem
Wörterbuche, I, Spalte 1619 (Zeile 16 v. o.):
. . . aber wie man es um defswUlen für ein Hülfswort
ausgehen können, wie von einigen Sioraclilelirern wirklich
geschehen, ist nicht zu hegreifen.
43. Die Form ist also heute gewifs tot und tief
begraben unter dem Staube vergilbter Folianten.
44. Beurteilen wir Lessing richtig, so läfst er die
nach ihm benannte Konstruktion nur dann zu, wenn der
Nebensatz einen Indikativ enthält. Steht im Nebensatz
der Konjunktiv der „Indirekten Rede", dann ist die
Auslassung des Hülfsverbs bei ihm schon weniger häufig
und enthält der Nebensatz gar einen Konjunktiv anderer
Art, dann ist sie selten oder vielleicht ganz ungebräuchlich.
In der Dramaturgie (Ausg. von Otto Hendel in Halle)
steht p. 4i5 :
Die Wahl wäre zu tadeln, wenn sich zeigen liefse^
dafs man eine viel hessere hätte treffen können.
Beispiele derselben Art finden sich:
— 60 —
p.4d, 812, 11 17, 51 2», 56 2, 57 22, 60 11, 67 21, 76 ",
81«, 89 7, 96,.
Ein Beispiel für die Auslassung des KonjnnktiTS eines
Hülfsrerbs fanden wir p. 68 ^ :
Xun wäre vseiter an die Heirat nicht zu denken^
wenn nicht Limwler seihst sich zu dem Stande
heraWxssen müssen.
Ein anderes Beispiel p. 81 10.
Das sind also auf 100 Seiten, die wir deswegen unter-
sucht haben, 2 Beispiele gegen 13.
Sagt dagegen Lesstxg:
Man kann ihm unmöglich wieder gut werden, da/s
er es wagen können; p. 6>^
so folgt aus dem Zusammenhang leicht, dafs hier der
Indikativ hat zu ergänzen ist Dasselbe gilt von den
Beispielen
p. 103, 55 1, 58 3, 5921, 62 5, 88 10, 952, 101 19.
45. Aus diesen Stellen dürfen wir also wohl den
angeführten Schlufs ziehen. Wir glauben somit auch,
dafs es nicht viel Mühe kostet, in verkürzten Neben-
sätzen stets das richtige Hülfsverb zu ergänzen, und dafs
also der Inhalt dessen, was Lessing sagt, bei einiger
Aufmerksamkeit auch heute noch nicht mifszuverstehen
ist In den Vorwurf, den Lehmann gegen Lessing
erhebt, können wir demnach nicht einstimmen, wenn er
sagt, die Auslassung des Hülfsverbs verursache bei
Lessing an vielen Stellen Undeutlichkeit und Zweifel:
ganz abgesehen davon, dafs man a priori berechtigt ist,
einem solchen Vorwurf gegen einen Lessing zu mifs-
trauen. —
40. Bezüglich der Wortstellung ist zu bemerken, dafs
im Lessingsatz der oblique Infinitiv stets vor den
Participersatz tritt. Wir haben nur ein Beispiel
— 61 —
gefunden, wo ein obliquer Infinitiv hinter dem Particip-
ersatz steht: das schon oben angeführte aus dem Sim-
plicissimics p. 94 \
47. Ab und zu wird nun auch heute noch die finitum-
lose Prädikatsform gebraucht, wenn im Nebensatz ein
Participersatz vorkommt; dann aber wird beständig das
eigentliche Particip verwandt und zwar hinter dem
obliquen Infinitiv:
Wenn er das schreiben gekonnt, ist er ein tüchtiger
Mann.
48. Führen wir einige Beispiele dieser Art aus der
neueren Litteratur an.
Chamisso, Schlemihl (Ausgabe in Paul Heyses No-
vellenschatz p. 713): Dafs nachher, me er mich nicht
finden gekonnt
Jensen, Hunnenblut (Ausg. in Reclams Univers.-Bibl.
p. 41 9) : Wenn er mich verstanden und mir darauf ant-
worten gekonnt
BiCHAED Voss, Der Mönch von Berchtesgaden (Engel-
horns Komanbibliothek p. 49 6): TJnd da mich niemand
segnen gewollt, so haben sie mich gesegnet
Metnhold, Bernsteinheoce (Reclams TJniv.-B. p. 596):
Dafs auch weder die Sehe noch das Achterwasser etwas
hergeben gewollt
Ders. p. 139 5: So mich anfänglich nicht mitnehmen
gewollt [Fernere Beispiele p. 56 ^ 78»'].
Franz Hoffmann, Neuer deutscher Jugendfreund
(48ster Band p. 86821): Das was er sagen gewollt, sank
mit ihm ins Grab.
Gottschall, Verräter (Reclams Univ.-Bibl. p. 28^):
Nachdem er Helene sich zu einem so unfreundlichen Spa-
ziergang anschicken gesehen.
— 62 —
Bkachvogel, Der deutsche Michael (Berlin, Otto Janke;
p. 963): Der seinem Schutz]^atron folgen gewollt —
Der Gebrauch des Participersatzes hat also
im Deutschen gegen früher an Häufigkeit nicht
wenig abgenommen.
49. Noch eine Schwierigkeit werde hier berührt.
Hat ein Nebensatz verschiedene Prädikate zusammen-
gesetzter Form in demselben Tempus, so gilt als Regel,
dafs das Verbum Finitum nur hinter dem letzten Particip
des Prädikates steht, so dafs die ersten Prädikate ohne
Hülfsverb gebildet sind. Ein Beispiel dieser Art ist das
folgende: (Meissner, Sldzzen, Erste und zweite Samm-
lung p. 226, unter No. 11):
Man rühmte die Tapferkeit eines Kriegers, der viel
männliche Thaten gethan, sich grofsen Ruhm in Feld-
schlachten erworhen und manchem Feind obgesiegt hatte.
a) Haben alle diese Prädikate einen und denselben
Ersatz, so könnte das folgende Beispiel wohl zum Muster
dienen :
Dafs die alte Dame diese strengen Grundsätze hatte
durchführen und dahei nicht nur ihr Geschäft im Gange
erhaltest, sondern auch noch zur Wohlhabenheit gelangen
Tiönnen, (R. Schmidt, Erzählungen, Reclams Univ.-
Bibl. p. 69 13).
Doch müssen wir gestehen, dafs diese Konstruktion
für uns etwas Gezwungenes an sich hat; denn hatte ist
hier von seinem zugehörigen Ersatz durch 16 "Wörter
getrennt und wirkt am Ende des Satzes nicht mehr stark
genug, um Form und Bedeutung der zwei letzten Wörter
sofort erfassen zu lassen. Aber wie anders? Den ein-
zigen Ausweg aus dieser Schwierigkeit finden wir in der
Anwendung der Ausdrücke möglich sein, vermögen oder
imstande sein statt können.
— 63 —
Mit Anwendung dieses lautet der Satz:
Dafs es der alten Dame möglich gewesen tvar, diese
strengen Grundsätze durchzuführen, etc.:
eine Ausdrucksweise, die sich von der ersteren ohne
Zweifel durch Wohllaut und Deutlichkeit vorteilhaft
unterscheidet.
b) Haben die einzelnen Prädikate Ersätze verschie-
dener Form, so ist es wohl das Geratenste, alle Prädi-
kate unverkürzt auszudrücken:
Dafs die Dame diese strengen Grundsätze hatte
durclführen sollen und dabei doch noch ihr Geschäft im
Gange hatte erhalten müssen und trotzdem noch zur
Wohlhabenheit hatte gelangen können, war
Ganz unanstöfsig ist diese Form indessen nicht. Die
Ersätze liefsen sich dann auch wohl aufheben und das
Yerbum Finitum könnte am Ende bei allen Prädikaten
wegfallen. Jedoch auch so kommen wir nicht zu einer
mustergültigen Ausdrucksweise. Vielleicht empfähle es
sich, den Ersatz des zweiten Prädikates durch genötigt
sein, gezwungen sein, obliegen und Ahnliches zu um-
schreiben; der erste und dritte Ersatz rücken dadurch
so weit aus einander, dafs volle Prädikatsformen bei ihnen
weiter nicht mehr auffallen dürften.
c) Dies würde uns dann zu der dritten Möglichkeit
führen, dafs nämlich nur in einigen der vorhandenen
Prädikate Ersätze vorkommen. Sind drei Prädikate vor-
handen, wie hier immer angenommen worden ist, und
steht das ersatzlose Prädikat zwischen den beiden ersatz-
haften, dann können wohl, ohne dafs es Anstofs erregt,
alle Prädikate ihre vollen Formen haben:
Ur habe einen Generalarzt gekannt, der Tausende am
Äbsynth habe zu Grunde gehen sehen, hundert Mal über
^ u ^
den Fluch des Ähsynths gesprochen habe und doch selbst
nicht davon habe lassen können,
(von Seefeld, Im Fluge durchs alte romantische Land;
Eeclams Univers.-BibL p. 32 i. Der Verfasser läfst beim
dritten Prädikat das hohe ganz unnötiger Weise weg.)
Wenn man dann noch etwa das letzte Prädikat mit
der Phrase anstände sein umschriebe, dann würde der
Satz gewifs an Wohllaut und Deutlichkeit nichts zu
wünschen übrig lassen. Die modalen Hülfszeitwörter ge-
statten eben stets irgend eine Umschreibung und es ist
daher gar nicht so mühsam, die Schwierigkeit, welche
irgend ein Ersatz bietet, auf die eine oder andere Art
zu umgehen.
(Können = imstande sein; in der Lage sein; ver-
mögen; müssen = gezwungen sein; genötigt sein: sollen
= den Auftrag haben; obliegen + Dativ; ersudit, gebeten
worden sein; wollen = vorhaben; wünschen; beabsichtigen;
dürfen == die Erlaubnis haben; gestattet sein; erlaubt sein
+ Dativ; mögen = geneigt sein.)
d) Hat von den drei Prädikaten nur eines den Ersatz
und steht dies an erster oder letzter Stelle, dann kann
es unbekümmert um die beiden anderen seine volle Form
erhalten; steht es an zweiter Stelle, dann wird der Ersatz
am besten wohl aufgehoben und das Ganze behandelt
nach dem folgenden Vorbilde:
Man erinnert sich an 1848, wo Bismarck denphaetoni'
sehen Flug der Kaiserpolitik verspottet, die grofsen
Städte von der Erde vertilgen gewollt und gehofft hatte,
das Narrenschiff der Zeit am Felsen der Kirche scheitern
zu sehen. (Hannövbischee Coueiee, August 1887).
51. Sollten vier oder mehr Prädikate in dieser Art
zusammentreten, so lassen sie sich stets nach denselben
Gesichtspunkten behandeln.
— 65 —
Auch bei zwei Prädikaten lassen sich mit Hülfe der-
selben etwaige Schwierigkeiten leicht beseitigen. —
Ist die einleitende Konjunktion wenn oder dafs, so
läfst sich die Schwierigkeit aber auch vermeiden, indem
man die Konjunktion ausläfst und dem Nebensatz die
Form des Hauptsatzes giebt:
JEr wäre mit hinzugetreten zum Altar, hätte er allein
dem Verlangen seines Herzens folgen wollen und sich
nicht von der Überlegung zurückhalten lassen. Biee-
NATZKi, Der braune Knabe, (Meyers Volksbücher No.
513—517) p. 21513.
III.
Die im Vorstehenden behandelte Eigentümlichkeit in
der Bildung der Perfektformen einiger Zeitwörter kehrt
nun auch wieder bei der Bildung des Infinitivs Perfecti
derselben, wenn von diesen wieder ein obliquer Infinitiv
abhängt.
Sagt man z. B.
Ich glaube es zu liönnen,
ferner
Ich glaube es gekonnt zu haben etc.,
wie hat man sich dann auszudrücken, wenn gekonnt haben
den obliquen Infinitiv thun bei sich hat?
Sagt man
Ich glaube es thun gekonnt zu haben,
und ferner
Er scheint^ es sagen gemufst zu haben,
oder
Er behauptet, es thun gesollt zu haben?
2. Alle diese Formen muten einen seltsam an; denn,
wenn wir dem Verbum finitum statt des durch die In-
5
— 66 —
finitive ausgedrückten Objektes einen Kasussatz als Ob-
jekt geben:
Ich glavhe, dafs ich es habe thun können;
Es scheint^ dafs er es hat sagen müssen;
Er behauptet, dafs er es hat thun sollen;
so tritt überall der Participersatz ein, wie vorhin aus
einander gesetzt, und der denselben herbeiführende oblique
Infinitiv steht auch oben.
3. Ohne Zweifel wird man sagen
Er ivill es haben thun dürfen;
Er mufs es haben sehen können;
Er soll es haben nehmen müssen;
Er mag es haben sagen woUen etc.,
und auch Personen, die brauchen noch ohne zu konstru-
ieren, werden sich keinen Augenblick besinnen, um zu sagen
Er braucht es nicht haben sagen wollen.
(Hier ein Beispiel für brauchen ohne 2:u:
Dafs ferner die Versprechen nicht gehalten werden
brauchen.
OsTBKWALD, Dcutsche Übersetzung von Ciceros Pflich'
ten p. 14 21. [In der deutschen "Übersetzung, die in Re-
clams Univ.-Bibl. herausgekommen ist, steht an dieser
Stelle:
Dafs man diejenigen Versprechen nicht zu halten
braucht].)
4. Aber wie in den andern Fällen? Tritt das zu
mit seinem haben vor den obliquen Infinitiv?
Ich glaube, es zu haben thun können;
Er braucht es nicht zu hohen thun woUen?
Dies wäre jedenfalls richtig, aber imerhört. Keiner
spricht so. Keiner schreibt so. Dafs diese Form aber
theoretisch gar nicht zu beanstanden ist, beweist das
Niederländische. Euer heifst es in der That:
— 67 —
Ik gehof het te hehhen ku7inen doen;
Hij behobt het niet te hebben willen doen.
6. Was hier im Deutschen in Wirklichkeit gesagt und
geschrieben wird, ist eine verkehrte Form:
Ich glaube es haben thim zu können;
Er braiccht es nicht haben thun zu wollen.
Verkehrt ist diese Form, denn hier tritt zu vor ein
Wort, das der Bedeutung nach doch immerhin ein Particip
geblieben ist; und wie verträgt sich ein zu, das nicht
verstärkendes Adverb ist (: zu verkehrt, ioo absurd) mit
einem Particip?
6. Was die verkehrte Stellung des zu veranlafst hat,
ist offenbar. Sehr häufig steht zu in Sätzen me der
folgende:
Er behauptet es thun zu wolle?!;
Er scheint es thun zu dürfen]
Er scheint den Brief geschriebefn haben zu können.
Hier steht zu immer vor dem letzten Worte des Satzes,
und diese Stellung drängt sich dann leicht dem Sprach-
gefühl, ohne dafs man dessen bewufst würde, als Regel
auf, und erscheint dann auch in Fällen, "wie die obigen:
wenn man ohne kritische Zerlegung des Gesagten über
dem Gedanken die Form vergifst.
7. Wie soll sich nun die Grammatik zu diesen Formen
stellen? Hat sie nur die Aufgabe die Sprache zu be-
obachten, wie die Natui^geschichte das Pflanzen- und Tier-
reich, und den einfachen Thatbestand festzustellen, um
Schwankenden und Zweifelnden nur sagen zu können: So
haben in den und den Fällen andere vor dir gesprochen,
also kannst du es eben so thun? Oder hat sie auch zu
untersuchen, ob der sprachliche Thatbestand vor dem
Verstände in irgend einer Weise nicht nur zu ent-
schuldigen, sondern auch zu rechtfertigen ist?
5*
— 68 —
Wir glauben dies letztere ganz entschieden.
Der Grammatik kommt eine höhere Würde zu, als die
eines blofsen Beobachters und Berichterstatters. Ihre erste
Aufgabe ist es allerdings, das ganze vorhandene Formen-
material der Sprache festzustellen. Dann aber ist es
ihre Pflicht, kritisch zu untersuchen und Widersinniges
als durchaus Unberechtigtes ohne Nachsicht zu ver-
urteilen. Bei schwankendem Sprachgebrauch soll sie sich
nicht zum Sklaven von Mehrheiten erniedrigen. Sie soll
ein weiser Richter über Mehrheit und Minderheit sein
imd dadurch so viel als möglich verhüten, dafs die blinde
Menge, die allerhand guten und schlechten Einflüssen
ausgesetzt ist, Gutes verkümmern und Schlechtes üppig
emporwuchern läfst. Sie soll unnötige mid schlechte
fremde Bestandteile aus der Sprache verbannen und soll
die vorhandenen Ausdrucksmittel pflegen und so viel an
ihr ist, nicht vernachlässigen lassen.
8. Folglich möchten wir auch hier eine bestimmte
Verhaltungsmiifsregel geben. Wir können dies, denn die
Form hat sich noch nicht eingebürgert und ist erst jetzt
im Entstehen begriften.
Dafs ein rw, welches nicht verstärkendes Adverb ist
(izu reifend, zu gelungen),
vor einem Participium Perfecti steht, ist widersinnig, selbst
wenn dieses nur in der Form des Ersatzes auftritt. Also
bilde man die oben erwähnten Formen nicht
nach. Den Participersatz aufzuheben, widerstreitet der
ausgesprochenen Vorliebe für denselben hinter obliquem
Infinitiv. Also bilde man Formen mit eigent-
lichem Particip auch nicht. Man bediene sich viel-
mehr in Sätzen wie die besprochenen des vollständigen
Kasussatzos. Die Möglichkeit zur Bildung desselben ist
stets vorhanden.
— 69 —
Oder man umschreibe das modale Hülfsverb, oder
verwandle die Satzkonstruktion auf andere Art.
9. Freilich kommen wir dann zu einer Anomalie.
Danach hat man eben zu sagen:
Er glaubt, das thun zu können]
aber:
Er glatibtj er habe das thun können.
1 0. Doch- ist diese als solche nicht ohne weiteres zu
verurteilen, da die Sprache jederzeit voll von solchen
Anomalieen ist. Heifst es doch auch beim Infinitiv Futuri
nur unverkürzt:
Er glaubt, er werde das thun können.
Und ähnlich ist es wohl möglich zu sagen
Ich sehe ihn arbeiten,
aber nicht
Ich sehe ihn arbeiten können;
ferner die Mauern Kölns, aber nicht die Mauern Paris \
obig aber nicht untig\ übertreiben aber nicht unter-
treiben etc. etc.
11. Die Belege für die besprochene fehlerhafte Form,
die wir haben finden können, seien hier sämtlich auf-
geführt:
1) Warum sollte Seneca notwendig ein Christ sein,
um so manches wahre, schöne Wort haben schreiben zu können.
(Ausgewählte Schriften des Philosophen L. A. Seneca.
Reclams Univ.-Bibl. No. 1847—49, Seite 8i8, der Ein-
leitung.)
2) Ich erinnere midi, eitlen Beisenden das eigentümliche
Entsetzen haben schildern zu hören ^ welches er beim An-
blick eines gewaltigen Eichbaumes emjfaiid. (Feeiligbath,
Ges. Dichtungen, 5te Aufl., öterBand; Stuttgart, Göschen,
1886, p. 67 12.)
— 70 —
3) Wir rechnen es dem Verfasser zum Verdienst an,
nicht mehr haben bestimmen zu wollen. („Göttinger Oel.
Anzeigen", 1822; 806 [angeführt in Keheetn p. 213.])
4) Jedes Verhiim Comjp. scheint die Eeduplication haben
wegtverfen zu können. (Steuye, Über Dekl, u. Konj.
p. 161 [angeführt in Keheein, p. 213]).
Und endlich auch ein richtiges niederländisches
Beispiel:
„Aan de voorbereiding daarvan te hebhen mögen mede-
werken, is mij een zeer groot voorrecht" (Hugenholtz,
Het JParlement der Oodsdiensten. Rotterdam 1893;
[12. XII. 1893. Vorrede.]
12. Dafs es ziemlich leicht ist, den besprochenen
Fehler zu vermeiden, ergiebt sich aus den folgenden Ver-
besserungen, die wir in den citierten Stellen anbringen:
1) Weshalb sollte Seneca notwendig ein Christ sein,
um es erklärlich zu machen, dafs er so manches wahre,
schöne Wort hat schreiben können.
Oder: Wird es denn nur dann begreiflich, dafs Seneca
so manches wahre, schöne Wort hat schreiben können, wenn
er ein Christ war?
2) Ich erinnere mich, dafs ich einen Reisenden das
eigentümliche Entsetzen habe schildern hören, welches er
beim Anblick eines gewaltigen Eichbaumes empfand. —
Oder: Ich erinnere mich gehört zu haben, wie {dafs)
ein Reisender das eigentümliche Entsetzen beschrieb, welches
er beim Anblick eines gewaltigen Eichbaumes empfand.
3) Wir rechnen es dem Verfasser zum Verdienst an, dafs
er nicht mehr hat bestimmen wollen. —
Oder: Wir rechnen es dem Verfasser zum Verdienst
an, dafs er es verschmäht hat, mehr zu bestimmen,
. 4) Es scheint, dafs jedes Verbum Comp, die Redupli*
cation hat wegtverfen können. —
- 71 —
Oder: Jedes Verbum Com}), scheint imstande gewesen
zu sein, die Bedujüication wegzuwerfen.
13. Es will uns überhaupt im Hinblick auf den letzten
Satz bedünken, dafs die Syntax wohl daran thue, in die
Lehre vom Gebrauch der Modalhülfszeitwörter den Grund-
satz aufzunehmen: „B^i etwaigen Schwierigkeiten
in der Konstruktion bediene man sich statt des
modalen Hülfszeitwortes einer gleichbedeuten-
den Redensart."
Wenn das Englische dies thut, das sich allerdings
mit seinen Modalhülfszeitwörtern in geradezu trostloser
Lage befindet, warum kann das Deutsche es in be-
schränktem Mafse nicht auch thun? Wenn man im
Anschlüsse an das englische He seems to have heen äble
to do it harmlos sagt JEJr scheint imstande gewesen zu
sein, es zu thun, warum drückt man sich nicht auch so
aus, wo der Anschlufs an das Englische nicht vorliegt,
wo man diesen oder einen ähnlichen Gedanken selb-
ständig in Worte zu kleiden hat?
Warum mufs es denn im hartnäckigen Anschlufs an
das französische Le desir d'avoir pu faire cela nur mit
Gewalt heifsen Der Wunsch, das thun gekoyint zu haben??
Man wählt diese Konstruktionen nur, weil man sich
der Ausdrucksmittel der Sprache nicht bewufst ist und
nicht darüber belehrt wird, weil man mit Wesen und
Eigenart derselben nicht bekannt ist.
[Können wurde früher überhaupt gern durch ver-
mögend sein umschrieben, besonders wo Perfektformen
im Spiele waren.]
14. Auf recht bemerkenswerte Art sucht sich der
bekannte BEUGSCH-Pascha aus der sich ihm bietenden
Verlegenheit zu retten. Er sagt (Aus dem Morgenlande;
Leipzig, 1891; Reclams TJniv.-Bibl. No. 3151—52, p. 37 8)
— 72 —
Es war ein Schüler^ der das Zeitliche gesegnet hatte,
ohne seine Studien volletidet haben zu können.
Er meint : . . der das Zeitliche gesegnet hatte, ohne dafs
er seine Studien hätte vollenden können = who had shut
his eyes for ever without having heen äble to finish his
studies. Das Eigentümliche seiner Wendung besteht
darin, dafs er den Perfektbegriff aus dem modalen
Hülfsverb, das ihm Schwierigkeiten bot, in den obliquen
Infinitiv verlegte : und dies ist weiter nichts als ein
Nachwehen des mittelhochdeutschen Sprach-
geistes.
Andere Beispiele dieser Art sind uns nicht zu Gesicht
gekommen.
Es bedarf natürlich kaum der besonderen Erwähnung,
dafs diese Ausdrucksart mit dem Wesen der heutigen
Sprache nicht mehr in Übereinstimmung ist und also
keine Nachahmung verdient.
15. Es läfst sich nicht leugnen, dafs das Nieder-
ländische in der konsequenten und richtigen Ausbildung
aller dieser Sprachformen dem Deutschen nicht un-
wesentlich voraus ist.
IV.
1. Fragen wir uns nun, welche Zeitwörter sind es,
die den Ersatz zulassen.
2. Zur Beantwortung dieser Frage möchten wir die
folgende Regel geben.
3. Von den Zeitwörtern, die noch stets ausschliefslich
mit reinem Infinitiv verbunden werden:
— 73 —
a) die modalen Hülfszeitwörter;
ß) gehen, Hleihen, machen ]
Y) hören, sehen, fühlen
verwenden die modalen Hülfszeitwörter im einfachen,
erzählenden Hauptsatze und im Nebensatz den Particip-
ersatz fast ausnahmslos : die Anwendung des eigentlichen
Particips ist bei ihnen heute nur sehr selten. Die meisten
Ausnahmen weist noch lassen auf. Kommt bei den übrigen
Hülfszeitwörtern das reine Particip vielleicht nur in 1%
der Fälle vor, dann dürfte sich dies bei lassen doch
wenigstens auf 10% steigern. Dazu mag vielleicht der
Umstand beitragen, dafs lassen auch ein Passiv gestattet,
welches den Participersatz nie entwickelt hat, die übrigen
aber nicht. Käheres bei der Sonderbehandlung von lassen.
Bei sehen und hören ist das eigentliche Particip heute
wohl im grofsen Ganzen eben so gebräuchlich, wie der
Ersatz. Doch neigt man in all erjüngster Zeit vielleicht
etwas mehr dem Particip zu, besonders bei hören. Be-
züglich der AVahl des einen oder des andern kommen
bei demselben Schriftsteller oft grofse Schwankungen
vor. Dabei fällt es sehr auf, dafs die beiden Zeitwörter,
wenn sie zufällig in nicht geringer Entfernung von ein-
ander vorkommen, sogar in demselben Satze, nicht
gleichmäfsig behandelt werden, indem sehen mit dem
Ersatz, hören aber mit dem Particip konstruiert wird.
Aus stilistischen Rücksichten wird man dieses wohl zu
verurteilen haben. Entweder beide mit, oder beide ohne
Ersatz: das sei die Eegel.
Bei machen wird das Particip stark bevorzugt.
Mit fühlen aber ist es eigentümlich gestellt. Kein
Grammatiker*) beanstandet den Ersatz; ja^ eine ganze
^) Nur Otto nimmt fühlen namentlich aus.
— 74 —
Eeihe schreibt ihn sogar vor. Aber auch kein einziger,
der imstande gewesen wäre, den Ersatz auch nur mit
einem Beispiele aus irgend einem Schriftsteller zu belegen.
Wir selbst haben auch nur einen Beleg mit Particip,
keinen mit Ersatz gefunden; und denErsatz beanstanden
möchten wir doch ebenfalls nicht. Woran liegt das nun?
Mit reinem Infinitiv ist fühlen häufig genug belegbar;
aber warum verbergen sich denn nun die Perfektformen
so beharrlich? Wir vermögen eine Antwort darauf nicht
zu geben.
Bei gehen und bleiben endlich ist das Particip noch
allein gebräuchlich; vielleicht weil sie in ihren Ver-
bindungen mit einem reinen Infinitiv ihre Perfektformen
nur mit sein bilden, was an Passivformen erinnern dürfte.
4. Hat das Prädikatsverbum einen obliquen Infinitiv
mit zto bei sich, (anfangen, atifliören, vermögen, bedürfen,
wissen u. s. w.), so ersetzt es in seinen aktiven Perfekt-
formen das Particip nie durch den Infinitiv.
Nur brauchen, das hin und wieder noch ohne zu kon-
struiert wird, schwankt und scheint den Ersatz sogar zu
bevorzugen; während wissen, pflegen und suchen, die nach
glaubhaften Zeugnissen und einzelnen thatsächlich be-
schaffbaren Belegen früher den Ersatz auch wohl zuliefsen
(wie er ja im Niederländischen bei den entsprechenden
Zeitwörtern weten, plegen, trachten, heute ja [noch oder
schon?] Regel ist) jetzt ausschliefslich regelmäfsig
konstruiert werden.
5. Hat ein Zeitwort eine doppelte Konstruktion, d. h.
gestattet es einen Infinitiv bald mit, bald ohne ^S'w, so
ist die Behandlung der Perfektformen auch eine doppelte:
a) hat der oblique Infinitiv zu nicht bei sich, so ist
der Ersatz gestattet (nicht geboten!);
— 75 —
b) hat der oblique Infinitiv zu bei sich, so hat man
zwei Fälle zu unterscheiden:
a) der oblique Infinitiv hat mehrere Objekte oder
adverbiale Bestimmungen bei sich, dann tritt das
Verbum Regens vor den obliquen Infinitiv und
läfst den Ersatz nie zu;
j3) der oblique Infinitiv hat entweder keine oder nur
sehr wenige Objekte resp. andei'weitige Bestimmungen
bei sich und er tritt dann in Haupt- und Nebensatz an
die gewöhnliche Stelle der Erweiterungen und Be-
stimmungen des Prädikates, d. h. hier vor das Verbum
Finitum, dort zwischen Verbum Finitum und „Verbum
stabile" (unflektierten Prädikatsteil): so schwankt der
Sprachgebrauch in der Bildung der Perfekt-
formen zwischen eigentlichem Particip und Er-
satz, bevorzugt aber im Ganzen genommen jenes
ziemlich stark.
Die Zeitwörter, die unter diese Regel fallen sind
lernen^ lehren^ helfen, lieifsen.
Ausführlicheres über diese Zeitwörter bei der Sonder-
behandlung derselben.
6. Einige der Zeitwörter, welche den Ersatz fordern,
oder zulassen, kommen auch in Zusammensetzungen vor,
oder in Redensarten, die den Wert von Zusammensetzungen
haben z. B.
vermögen, hedürfen, veranlassen, nicht umhin können,
fort müssen, u. s. w.;
dann aber lassen sie den Ersatz nie zu: als V^erba mit
einem obliquen Infinitiv + zu. (Doch ist vermögen mit
vereinzeltem Ersatz belegbar.)
— 76 —
V.
Das Vorstehende wünschen wir nun noch etwas näher
zu begründen und zu erweitern durch eine etwas aus-
führlichere Stoflfangabe zu den einzelnen Zeitwörtern.
Ehe wir den Stoff aber mitteileu, ist es ratsam, die
Ausgaben zu bezeichnen, denen die citierten Stellen ent-
nommen sind.
1. Abderiten.*) Wielands Werke. Herausgegeben von Hein-
rich Kurz. Leipzig, Bibliographisches Institut. Dritter
Hand. (Jahr der Veröffentlichung nicht angegeben.)
2. Abbaham (Alle). Des Paters Abraham a Santa Clara
„Etwas für Alle etc." Halle a. d. S., Otto Hendel. Biblio-
thek der Gesamt-Litteratur des In- und Auslandes No. 376,
377. (Jahr der Veröffentlichung fehlt.)
3. Abraham (Wien). Merks Wien. Von Abraham a Santa
Clara. Bearbeitet und herausgegeben von Th. Ebner.
Leipzig 1884, Reclam, Universal-Bibliothek No. 1949 — 50.
4. Alberüs. Die Fabeln des Erasmus Alberus. Abdruck
der Ausgabe von 1550. Herausgegeben von "Wilhelm
Braune. Halle a. d. S., Max Niemeyer, 1892.
5. Allioli. Die heiUge Schrift des alten und neuen Testamentes.
• •
Übersetzt von Dr. Joseph Franz Allioli. 4te Aufl. Lands-
hut 1839, Johann Palm.
6. Arexz - Clümpeb. Deutsche Musterlese für den Schul-
gebrauch und zur Selbstbelehrung. Bearbeitet von Karl
Arenz und K, Th. Clümper. Mastricht 1851.
7. Banise. Herrn Heinrich Anshelm von Zigler und Klip-
hausen Asiatische Banise, oder blutiges doch mutiges Pegu.
Leipzig 1738, Chr. Gottfried Eckhart.
8. Becker (Sophie). Yor hundert Jahren. Elise von der
Reckes Reisen durch Deutschland 1784 — 86. Nach dem
*) Kurze Bezeichnung des Werkes bei jeder daraus entnom-
menen Belegstelle.
— 77 —
Tagebuch ihrer Begleiterin Sophie Becker. Herausgegeben
und eingeleitet von G-. Karo und M. Geyer. StuttgaH,
!M. Spemann. (Collektion Spemann No. 61.)
9. Belot. Der Fall Calon. Kriminalroman von Adolphe
Belot. Autorisierte Übersetzung von Aithur Roehl. Leipzig,
Reclam, Univ.-Bibl. No. 3086-87.
10. Berges. Amerikana. Humoristische Skizzen aus dem
amerikanischen Leben von Philipp Berges. Leipzig, Beclam.
Erstes Bändchen No. 2508. Zweites Bändchen No. 2698.
Drittes Bändchen No. 2829. Viertes Bändchen No. 3175.
11. Bibel-Brockhaüs. Die heilige Schrift. Zweiter T.eil, ge-
nannt Neues Testament. Aus dem Urtext übersetzt. 4te
Durchgesehene Aufl. C. Brockhaus, Elberfeld, Baustrafse 52.
(Kamen der Übersetzer nirgend ersichtlich.)
12. Bis:marck (Cronbach). Fürst Bismarcks gesammelte Beden.
Berhn 1894, Siegfried Cronbach,
13. BiSMAECK (Meyer). Fürst Bismarcks Beden. Ausgewälilt
und erläutert von Friedrich Purlitz, Leipzig, Bibliogra-
phisches Institut. (Meyers Volksbücher: 807—810.)
14. Bis:\LA.iiCK (Spemann). Fürst Bismarck als Bedner. Voll-
ständige Sammlung der parlamentarischen Keden Bismarcks.
Sachlich geordnet von AV. Böhm. Berlin u. Stuttgart,
"W. Spemann. (CoUektion Spemann No. 81, 279, 288.)
15. BoTSTiBEK. Tagebuch eines bösen Buben. Aus dem
Englischen von J. Botstiber. Leipzig, Beclam. (Universal-
Bibliothek No. 3149, 3150.)
16. Beachyogel. Der deutsche Michael. Historischer Boman
von A. E. Brachvogel. Dritte Auflage. Berlin, 1895,
Otto Janke.
17. Brentano. Heitere Gescliichten von Fritz Brentano. Leipzig,
Heclam, Universal-Bibliothek: verschiedene Bändchen.
18. Brugsch. Aus dem IVIorgenlande. Altes und Neues von
Prof. Dr. H. Brugsch-Pascha. Leipzig (1891), Ph. Beclam.
Universal-Bibliothek No. 3131—32.
19. BüiiAU. Geheime Geschichten und rätselhafte Menschen.
Sammlung verborgener und vergessener Merkwürdigkeiten.
— 78 —
Herausgegeben von Bülau. Leipzig, Ph. ßeclam. TJni-
versal-Bibliothek: verschiedene Bändchen. (Neudnick der
ersten Ausgaben vom Jahre 1850.)
20. Canitz. Des Freiherm von Canitz Gedichte. Von Johann
Ulrich König. Leipzig und Berlin, 1727, bey Ambrosius
Hauden.
21. Cato. Joh. ein*. Gottscheds Sterbender Cato. Nach der
ältesten Ausgabe von 1732. Herausgegeben und einge-
leitet von Otto F. Lachmann. Leipzig, Ph. E-eclam. Univ.-
Bibl. No. 2097.
• •
22. CiCEBO. Ciceros drei Bücher über die Pflichten. Über-
setzt von Friedrich Bichter, Leipzig, Ph. Beclam. Uni-
versal-Bibhothek No. 1889—90.
23. CiCEKO (Osterwald). Marcus Tullius Ciceros Drei Bücher
Über die Pflichten. Deutsch von Wilhelm Osterwald.
Leipzig, F. E. C. Leuckart 1874.
24. Danatde. Die Danaide von Ernst von Wildenbruch.
[Berlin 1885.] Paul Heyses Novellenschatz, Band 14.
Leipzig u. München, B. Oldenbourg, 188G.
25. Darwins Reise. Tagebuch von Ch. Darwin. Mit einer
Einleitung und Anmerkungen von Dr. A. Kirchhoff". Halle
a. d. S., Otto Hendel (1893.)
26. Dialoge. Vier Dialoge von Hans Sachs. Herausgegeben
von Beinhold Köhler. "Weimar, Hermann Böhlau, 1858.
27. DoEENE. Die Ergebnisse der neueren alttestamentlichen
Forschungen und ihre Bedeutung für die Kirche von Fried-
rich Doerne. Leipzig, Fr. "W. Grunow, 1894.
28. Dbamatubgie. Hamburgische Dramaturgie von G-otthold
Ephraim Lessing. Halle a. d. S., Otto Hendel.
29. Eberhard. Hannchen und die Küchlein. Von A. G. Eber-
hard. Halle a. d. S., Otto Hendel.
30. Ebers. Die Nilbraut. Boman von Georg Ebers, Deutsche
Library. New-York, George Munroe, Band 10, erste und
zweite Hälfte.
31. Engel. Herr Lorenz Stark. Ein Charaktergemälde von
J. J. Engel. Halle a. d. S., Otto Hendel. (Neudruck der
Ausgabe von 1801).
— 79 —
32. Ekckmann-Chatrian (Hendel). Geschichte eines Rekruten
von anno 1813 von Erckmann-Chatrian. Deutsch von
Dr. Hallbauer. Halle a. d. S., Otto Hendel.
33. Eeckmann-Chatkian (Meyer). Erlebnisse eines Rekruten
von 1813. Erzählung von Erckmann-Chatrian. Aus dem
Französischen übertragen von K. Schade. Leipzig, Biblio-
graphisches Institut. Meyers Volksbücher, No. 817 — 819.
34. Erckmann-Chatrian (Reclam). Geschichte eines 1813 Con-
scribierten. Erzählung von Erckmann-Chatrian. Aus dem
Französischen übersetzt und bevorwortet von Robert Habs.
Leipzig, Reclara, Univ.-Bibl. No. 1459—60.
35. Erznarren. Die drei ärgsten Erznarren in der ganzen
"Welt. Roman von Christian "Weise. - Abdruck der Aus-
gabe von 1673. Halle a. d. S., Max. Niemeyer, 1878.
36. V. Ess. Die Familien-Bibel, oder die ganze Heilige
Schrift alten und neuen Testaments, übersetzt und neu
revidiert von Dr. Leander van Ess. Eine Prachtausgabe
mit 40 Stahlstichen. Hildburghausen, Bibliographisches
Institut, 1838.
37. EüLENSPiEGEL. Das Volksbuch von Till Eulenspiegel.
Nach der ältesten Ausgabe von 1519 erneuert von Karl
Pannier. Leipzig, Ph. Reclam. Univ.-Bibl. No. 1687—88.
38. Franzos. Die Hexe. Novelle von Karl Emil Franzos.
Sechste Auflage. Leipzig, Ph. Reclam. Univ.-Bibl. No.
1280.
39. Freiland. Eine Reise nach Freiland. Von Theodor
Hertzka. Leipzig, Ph. Reclam. Univ.-Bibl. No. 3061 — 62.
40. GoBiNEAU. Asiatische Novellen vom Grafen Gobineau.
Deutsch von Ludwig Schemann. Leipzig, Ph. Reclam.
Univ.-Bibl. 3103—4 (veröffentlicht 1893).
41. GoEDEKE. Goethes Leben von Karl Goedeke. Supple-
ment zu den "Werken des Dichters. Stuttgart, Cotta-
Kröner. (Bibhothek der "Welthtteratur, Band 50).
42. Goldener Spiegel. "Wielands Werke, herausgegeben von
Heinrich Kurz. Leipzig, Bibhographisches Institut. 2ter
Band.
— 80 —
43. Gottschall. Der Verräter, von E. von Gottschall. Leipzig,
Ph. Eeclara. Üniv.-Bibl. No. 2570 (Juni 1889).
44. Geimm. Fünfzig Kinder- und Hausmärchen, gesammelt
durch die Brüder Grimm. Kleine Ausgabe. Leipzig, Ph.
Eeclam. TJniv.-Bibl. No. 3179—80.
45. Groxer. Zwei Kriminalnovellen von A. Groner, Leipzig,
Ph. Eeclam. Univ.-Bibl. No. 3157.
46. Hauff. Der Mann im Mond, nebst Kontroverspredigt, von
Wilhelm Hauff. Leipzig, Bibliographisches Institut (Meyers
Volksbücher No. 415—17).
47. Hauff. (Hendel). Gedichte und Skizzen von Wilhelm
Hauff. Halle a. d. S., Otto Hendel.
48. Hausvater. Der Hausvater. Ein Schauspiel in fünf Auf-
zügen von Diderot. Aus dem Französischen übersetzt von
G-. E. Lessing. Leipzig, Ph. Eeclam. Univ.-Bibl. No. 2336.
49. Herder. TJber den Ursprung der Sprache. Von J. G-.
von Herder. Leipzig, Bibliographisches Institut (Meyers
Volksbücher No. 321-22).
50. Heyse, Zwei Gefangene. Novelle von Paul Heyse. Leip-
zig, Ph. Eeclam. Univ.-Bibl. No. 1000.
51. Hoffmanns Jugendfreund. Franz Hoffmanns neuer deut-
scher Jugendfreund für Unterhaltung und Veredelung der
Jugend, 48ster Band (1894 (?) erschienen.)
52. Ibsen. Kaiser und Galiläer. "Welthistorisches Schauspiel
von Henrik Ibsen. Aus dem Norwegischen übertragen von
Ernst Brausewetter. Leipzig, Ph. Eeclam. Univ.-Bibl.
No. 2368—69. (1887 (?) erschienen.)
53. Jarz. Die letzten Kämpfe um die Mexikanische Kaiser-
krone. Erinnerungen von Konrad Jarz. Leipzig, Ph. Ee-
clam. Univers. -Bibl. No. 2600. (Erschienen September 1889.)
54. Jensen. Hunnenblut. Eine Begebenheit aus dem alten
Chiemgau von Wilhelm Jensen. Leipzig, Ph. Eeclam.
Univ.-Bibl. No. 3000 (November 1892).
55. JoKAi. Ein ungarischer Nabob. Eoman von Maurus Jokai.
Deutsch von Adolf Dux. Leipzig, Ph. Eeclam. Univ.-
Bibl. No. 3016—20 (December 1892).
— 81 —
56. Judesbuche. Die Judenbuche. Von Annette Freiin von
Droste-Hülshoflf. Paul Heyses Deutscher Novellenschatz.
Band 24. München, IL Oldenbourg.
57. Kabl V. Hals oder Peinliche Gerichtsordnung Kaiser
Karl V und des H. Rom, £.eichs nach der Originalausgabe
vom Jahre 1533. Herausgegeben und erläutert von Curt
Müller. Leipzig, Ph. Eeclam. Univ.-Bibl. No. 2990. (Okt.
1892).
58. Kerxning. Christentum oder Gott und Natur nur Eins
durch das "Wort. Von J. Kemning. Theosophische Bib-
liothek. Dritter Band. Braunschweig, C. A. Schwetschke
und Sohn, 1894.
59. KiSTEMAKER. Die Heiligen Schriften des neuen Testa-
mentes. Übersetzt von J. H. Kistemaker. Elfte Auflage.
Münster, Theissing. (1849?).
60. Kleist. Erzählungen von Heinrich v. Kleist. Leipzig,
Bibliographisches Institut; Meyers Volksbücher No. 73. 74.
61. Knötel. Homeros. Der Blinde von Chios und seine Werke
von A. F. B,. Knötel. Erster Teil. Leipzig, Friedrich
"Wilh. Grunow, 1894.
62. KöKN'EB. Erzählungen von Theod. Kömer. Leipzig, Biblio-
graphisches Institut; Meyers Volksbücher No. 143.
63. Lindau. Helene Jung. Erzählung von Paul Lindau.
Stuttgart, I. Engelhorn, 1885. Engelhoms Allgemeine
Bomanbibliothek, 2ter Jahrg. Band 3.
64. Luther (Adel). An den christlichen Adel deutscher Nation
von des christlichen Standes Besserung von Martin Luther
(1520). HaUe a. d. S., M. Niemeyer, 1877.
65. Luther (Bibel). Dr. Martin Luthers Bibelübersetzung nach
der letzten Originalausgabe kritisch bearbeitetvonH.E. Bind-
seil und H.A. Niemeyer. Halle, Cansteins Bibel- Anstalt, 1850.
66. Luther (Fabeln). Luthers Fabeln nach seiner wieder-
gefundenen Handschrift herausgegeben und eingeleitet von
Ernst Thiele. Halle a. d. S., M. Niemeyer, 1888.
67. Luther (Flugschriften). Flugschriften aus der Reformations-
zeit X. Aus dem Kampf der Schwärmer gegen Luther.
6
— 82 —
Drei Flugschriften (1524. 1525). Herausgegeben von Lud-
wig Enders. Halle a. d. S., M. Niemeyer, 1893.
68. LuTHBB (Neubauer). Martin Luther ausgewählt, bearbeitet
und erläutert von Richard Neubauer. Zweiter Teil. Halle
a. d. S., Waisenhaus, 1891.
69. LuTHEE (Reclam). Sendbrief vom Dolmetschen und drei
andere Schriften weltlichen Inhalts von Martin Luther.
Mit Einleitungen und Anmerkungen herausgegeben von
B/Udolf Lehmann, Leipzig, Ph. Reclam, TjDiv.-Bibl. No.
2373. März 1888.
70. Mathesius. D. Martin Luthers Leben in siebzehn Predigten
von M. Johann Mathesius. Herausgegeben von Lic. Dr.
Georg Buchwald. Leipzig, Ph. Beclam. Univ.-Bibl. No.
2511—2514. (Febr. 1889.)
71. May. Orangen und Datteln. Reisefrüchte aus dem Oriente
von Karl May. Freiburg i. Br. 1894, Fehsenfeid.
72. Meinhold. Maria Schweidler, die Bemsteinhexe. Heraus-
gegeben von Wilhelm Meinhold. Leipzig, Ph. Reclam;
Univ.-Bibl. No. 1765—66.
73. Meissner (Reclam). Aus den Papieren eines Polizeikom-
missärs. Wiener Sittenbilder von Leopold Florian Meifsner.
4tes Bändchen. Leipzig, Ph. Reclam; Univ. Bibl. No. 3147
(November 1893).
74. Mendelssohn. Phädon oder Über die Unsterblichkeit der
Seele von Moses Mendelssohn. Leipzig, Ph. Reclam; Univ.-
Bibl. 335 (Neudruck der Ausg. v. 1767).
75. MiMTLi. Mimih. Eine Erzählung von H. Glaureu. Mit
einer kritischen Einleitung von Ad. Stern. Leipzig, Ph.
Reclam; Univ.-Bibl. No. 2055 (Neudruck der Ausg. v. 1816).
76. Moschebosch. Insomnis cura parentum, von Hans Michel
Moscherosch. Abdruck der ersten Ausgabe (1643). Heraus-
gegeben von Ludwig Pariser. Halle a. d. S., M. Nie-
meyer, 1893.
77. MüGGE. Der Vogt von Sylt. Erzählung von Theodor
Mügge. Leipzig, Ph. Reclam; Univ.-Bibl. No. 3093—3095.
(Juli 1893.) Abdruck der Ausgabe von 1851.
— 83 —
78. MüLLEB (Curt). Hexenaberglaube und Hexenprozesse in
Deutschland von Curt Müller. Leipzig, Ph. Reclam; Univ.-
Bibl. No. 3166—67. (Januar 1894.)
79. Mylius. Die Türken vor Wien, 1683. Geschichtliche Er-
zählung von Otfried Mylius. Leipzig, Ph. Reclam; Univ.-
Bibl. No. 213 — 14. (Zuerst erschienen 1870.)
80. NoHL. Musiker-Biographieen. Fünfter Band; Wagner,
von Ludwig Nohl. 2te vervollständigte Aufl. Leipzig,
Ph. Eeclam; TJniv.-Bibl. No. 1700.
81. NoBDAU. Seifenblasen. Federzeichnungen und Geschichten
von Max Nordau. Leipzig, Ph. ßeclam; TJniv.-Bibl. No. 1187.
82. Oberhof (Carel). Der Oberhof von Karl Iramermann. Im
Auszuge herausgegeben von Dr. G. Carel. Bielefeld und
Leipzig, Yelhagen und Klasing. (Velhagen und Klasings
Sammlung deutscher Schulausgaben, 9te Lieferung.)
(Von Immermann zuerst herausgegeben 1839.)
83. Oberhof (Spemann). Der Oberhof von Karl Immermann.
Collection Spemann No. 2. Berlin und Stuttgart, "VY. Spe-
mann.
84. Opitz. Buch von der deutschen Poeterei von Martin Opitz,
Abdruck der ersten Ausgabe 1624 (zweiter Druck). Halle
a. d. S., Max Niemeyer, 1882.
85. EakOoI. Mein Dorf und andere heitere Geschichten von
Viktor Bakosi. Leipzig, Ph. Beclam; TJniv.-Bilbl. No. 3115
(September 1893).
86. Beichstag. Bebel und sein Zukunftsstaat vor dem Reichs-
tag. Köln 1893, J. P. Bachem. (Enthält folgende Eeichs-
tagsreden, gehalten im Januar und Februar 1893: p. 6:
Liebknecht; p. 7— 14: Hitze; p. 15: Buhl: p. 16— 24:
Bachem; p.24-35: Bebel; p.35— 39: Stumm; p.39— 61;
Bachem; p. 61—75: Richter; p. 75—80: Frohme; p.
81—90: Stöcker; p. 91—100: Hitze; p. 100—122: Bebel;
p. 122—124: Böttcher; p. 125—127: v. Koscielski; p.
127—138: Bachem; p. 139— 150: Richter; p. 150— 160:
Liebknecht; p. 160: Stöcker; [p. 161—166 Nachwort]).
87. Reischl. Die heiligen Schriften des alten und neuen
Testamentes .... übersetzt und erläutert von Dr. Valentin
6*
— 84 —
Loch und Dr. Wilhelm Reischl. Regensburg, Georg Joseph
Manz^ 1851.
88. Reiseb. Anton Reiser, ein psychologischer Roman von
K. Ph. Moritz. Heilbron, Gebr. Henninger, 1886 (Neudruck
der Ausgabe von 1785).
89. Renan. Das Leben Jesu von Ernest Renan. Aus dem
Französischen von Hans Helling. Leipzig, Ph. Reclam;
Univ.-Bibl. No. 2921—2923 (April 1892).
90. Renard. Ist der Mensch frei? Von Georges Renard.
Aus dem Französischen übersetzt und mit Anmerkungen
versehen von Albert Südekum. Leipzig, Ph. Reclam; Univ.-
Bibl. No. 3208-9 (Mai 1894).
91. (Hans) Sachs (Tittmann). Dichtungen von Hans Sachs.
Drei Teile. Leipzig, F. A. Brockhaus, 1883. Erster Teil,
herausgegeben von Karl Goedeke. Zweiter und dritter
Teil, herausgegeben von Julius Tittmann.
92. Salzmann (A.). Ameisenbüchlein oder Anweisung zu einer
vernünftigen Erziehung der Erzieher. Von Christian Gott-
hilf Salzmann. Mit Einleitung und Anmerkungen versehen
von Ernst Schreck. Leipzig, Ph. Reclam; Univ.-Bibl.
No. 2450 (Zuerst erscUenen 1806).
93. Salzmann (K.). Krebsbüchlein oder Anweisung zu einer
unvernünftigen Erziehung der Kinder. Von Christian Gott-
hilf Salzmann. Mit Einleitung und Anmerkungen versehen
von Ernst Schreck. Leipzig, Ph. Reclam; Univ.-Bibl,
No. 3251 — 52 (September 1894). (Zuerst erschienen 1780).
94. Sarcey. Die Belagerung von Paris. Eindrücke und Er-
innerungen von Francisque Sarcey. Aus dem Französischen
übersetzt von A. Tuhten. Leipzig, Ph. Reclam; Univ.-Bibl.
No. 3118—3120 (Sept. 1893).
95. Schere (Johannes). Das rote Quartal. Eine geschichtliche
Episode (März — Mai 1871). Von Johannes Scherr. Leipzig,
Ph. Reclam; Univ.-Bibl. No. 1551. (Zuerst erschienen in der
Gartenlaube 1876 in einzelnen Abschnitten, beginnend p. 11, schliefsend
p. 399).
96. ScHiLLEK (Krieg). Geschichte des 30jährigen Kiieges. Von
Friedrich von Schiller. Leipzig, Ph. Reclam.
(Einzelausgabe ! nicht Univ.-Bibl.)
— 85 —
97. ScHiLLBB (Erzählungen). Erzählungen von Schiller. Heraus-
gegeben von Heinrich Kurz. Leipzig, Bibliographisches
Institut; Mevers Volksbücher No. 91.
98. ScHLEMiHL. Peter Schlemihls wundersame Geschichte.
Von Adalbeiii von Chamisso. Heyses Novellenschatz, Band
17 (p. 1—98). JMünchen, Rudolf Oldenbourg.
(Neudruck der ersten Ausgabe von 1811).
99. Schmidt. Erzählungen von Rudolf Schmidt. Aus dem
Dänischen übersetzt und eingeleitet von L C. Poestion.
Leipzig, Ph. Reclam; TJniv.-Bibl. No. 2061—62 (Okt. 1888).
100. Pkof. ScHuiiTZB. Der Zeitgeist in Deutschland. Von
Dr. Fritz Schnitze. Leipzig 1894, Ernst Günther.
101. Schwab. Die deutschen Volksbücher für Jung und Alt,
wiedererzählt von Gustav Schwab. Leipzig, Ph. Reclam;
Univ.-Bibl. (15 Volksbücher in einem Bande).
102. Seefeld. Im Fluge durchs alte romantische Land. Soramer-
reisen durch Spanien von Alfred von Seefeld. Leipzig,
Ph. Reclam; Univ.-Bibl. No. 1489—90. (Geschrieben 1879.)
103. SiMPL. Der abenteuerliche Simplicissimus von H. J. Chr.
von Grimmeishausen. Abdruck der ältesten Originalaus-
gabe 1669. Halle a. d. S., Niemeyer, 1880.
104. Thomasius. Christian Thomasius. Von Nachahmung der
Franzosen. Nach den Ausgaben von 1687 und 1701. Stutt-
gart, Göschen, 1894.
105. Thokoddsen. Jüngling und Mädchen. Eine Erzählung
von Jon Th. Thoroddsen. Aus dem Neuisländischen über-
setzt von I. C. Poestion. Dritte durchgesehene Auflage.
Leipzig, Ph. Reclam; Univ.-Bibl. No. 2226—27 (1888).
106. Tobias. Christian Weises Schulkomödie von Tobias und
der Schwalbe. Aufgeführt im Jahre 1682. Herausgeg. von
Otto Lachmann. Leipzig, Ph. Reclam; Univ.-B. No. 2019.
107. ToLSTOj. Volkserzählungen des Grafen Tolstoj. Nach
dem Russischen von Wilhelm Goldschmidt. Leipzig, Ph.
Reclam; Univ.-Bibl. No. 2556-57 (Mai 1889).
108. Teiller. Daniel Wilhelm Trillers Neue Aesopische Fabeln.
Zweite Auflage. Hamburg, Christian Herold, 1750. (Erste
Aufl. 1737).
— 86 —
109. ViLLDsGEB. Unter Bauern, und andere Geschichten von
Hermine Villinger. Stuttgart 1894, J. Engelhom; Engel-
homs Komanbibliothek X, 24.
110. VoLNEY. Die Ruinen und das natürliche Gesetz von Const.
Fr. Volney. Deutsch von Georg Forster. Mit einer Bio-
graphie Vohieys neu herausgegeben von Kobert Habs.
Leipzig, Ph. Reclam; TJniv.-Bibl. No. 2151 — 53.
111. Voss. Der Mönch von Berchtesgaden, und andre Er-
zählungen. Von Bichard Vofs. Stuttgart 1891, J. Engel-
hom; Engelhorns Romanbibliothek VTI, 15.
112. Webtheb. Die Leiden des jungen Werther von Goethe,
Leipzig, Bibhographisches Listitut; Meyers Volksbücher
No. 23—24.
113. WiCHEBT. Für tot erklärt. Erzählung von Ernst Wiehert.
Leipzig, Ph. Beclam; Univ.-Bibl. No. 1117.
114. WiLDENBBUCH. Das wandemde Licht, von Ernst v. Wilden-
bruch. Stuttgart 1893, J. Engelhom; Engelhorns Boman-
bibUothek X, 3.
115. Zesen. Ph. Caesiens Hooch-Deutsche Spraach-übung oder
unvorgreiffliches Bedenken über die Hooch-Deutsche Haupt-
Spraache und derselben Schreibrichtigkeit ; In unter-redung
gestellet, und auff begehren und guhtbefinden der Hooch-
löblichen Deutsch-Zunfft herfür-gegeben. Hamburg, Bey
Heinrich Wemern, Im Jahr m.dc.xliij.
116. ZsCHOKKE. Der tote Gast. Von Heinrich Zschokke.
1825. P. Heyses Novellenschatz, elfter Band. München,
Rudolf Oldenbourg.
Ferner sind angeführt: „Kölnische Zeitung" ; „Berliner
Tageblatt" ; „Fliegende Blätter" ; „Hannövrischer Courier".
— 87 —
Übersicht der angeführten Schriften nach der Zeit
ihres ersten Erscheinens.
No.*) No.
1519. Eulenspiegel ... 37 um 1550. H. Sachs ... 91
1533. Karl V 57 , 1560. H. Sachs, Dialoge . 26
1520—46. Luther . . 64—69 1565. Mathesius .... 70
1550. E. Alberus .... 4
1624. Opitz 84 : 1680. Abraham a. S. Gl. . 3
1682. Weise, Tobias u. d.
Schw 106
1699. Abraham a. S. Gl. . 2
1699. Ganitz 20
1643. Moscherosch ... 76
1643. Zesen 115
1668. Banise 7
1669. Simplicissimus . . 103
1673. Weise, Erznarren . 35
1701. Thomasius .... 104
1732. Gottsched .... 21
1737. Triller 108
1760. Lessing (Hausvater) 48
1767. Mendelssohn ... 74
1768. Lessing (Drama-
turgie) .... 28
1770. Herder 49
1800(?). Schiller, Erzähl.
1801. Engel . . .
1806. Salzmann
(vor) 1811. Kleist
1811. Ghamisso , .
(vor) 1813. Kömer
1816. Glauren . .
1822. Eberhard .
1825. Zschokke .
1826. Hauff . . .
97
31
92
60
98
62
75
29
116
46
1772. Wieland 42
1774. Goethe 112
1776. Wieland 1
1780. Salzmann .... 93
1785. Moritz 88
1786. Sophie Becker . . 8
1792. Volney (Forster) . 110
1793. Schiller 96
(vor) 1827. Hauff .... 47
1836. G. Schwab .... 101
1838. V. Ess 36
1839. AllioU 5
1839. Immermann . 82—83
(vor) 1840. Grimm ... 44
1843. Meinhold 72
1850. Bülau 19
1850. Kistemaker ... 59
1851. Mügge 77
*) Nummer der alphabetischen Keihenfolge in dem vorstehenden Ver-
zeichnis.
— 88 —
No.
1851. Eeischl 87
1851. Arenz-Clümper . . 6
1860. Droste-Hülshoff . . 56
1868. Brachvogel .... 16
1870. Mylius 79
1870(?). Bibel-Brockhaus 11
1874. Cicero (v. Osterwald) 23
1875(?). Nordau .... 81
1875(?). Nohl 80
1876. Scherr 95
1879. Heyse 50
1879. V. Seefeld .... 102
1880— 90(?). Erckmann-
Chatrian . . 32—34
(um) 1880. Bismarck 12—14 ,
1880(?). Cicero (Eeclam) 22 !
1880. Franzos 38 i
1885. Berges 10 |
1885. Lindau 63
1885. V. Wildenbruch . . 24
1887. Ebers 30
1887. Ibsen 52
1888. Schmidt 99
1889. Thoroddsen ... 105
1889. Gottschall .... 43
1889. Tolstoj 107
1889. Jarz 53
No.
1890. Brentano 17
1891. Brugsch 18
1890. Groner 45
1891. Vofs 111
1892. Renan 89
1892. Jensen 54
1892. Jökai 55
1893. Belot 9
1893. Botstiber 15
1893. Darwin 25
1893. Reichstag .... 86
1893. V. Wildenbruch . . 114
1893. Freiland 39
1893. Gobineau 40
1893. Meifsner 73
1893. R&kosi 85
1893. Sarcey 94
1894. Doeme 27
1894. Hoffmann .... 51
1894. Kernning .... 58
1894. Renard ... . . 90
1894. Knötel 61
1894; May 71
1894. Curt Müller ... 78
1894. Schultze 100
1894. Villinger 109
— 89 —
Können.
Hauptsatz.
GewöhnKche Wortfolge.
Wir hätten den fremden vogel auf stücken zerreissen
können, Banise p. 612 (= Seite 6, Zeile 12 von unten).
Es hätte auch leicht geschehen können, Eeznabeen p. 96^
(= Seite 96, Zeile 6 von oben).
Ich hdbs nicht überwinden können. Wertheb 14i2«
Ich hätte das Gesicht kaum von den Kissen unterscheiden
können, Fbanzos 40j2.
Haben Sie nicht schlafen können? Fbanzos 49 ^
Altere Wortfolge.
Vnd hett ich jhn gleich können dir betrüben, Albebus 31 ^^
Er hätte seine Meynung viel deutlicher können von sich
geben, Ebznabben 188^*.
Obliquus zusammengesetzt.
Quinault hätte es immer bei dem zweiten .... können be-
wenden lassen, Dbamatubgie ÖT^j-
Man hätte eine Mücke können trappen hören. Hauff 177 ^^.
Poesie.
Hätf ich sie gleich doch können begleiten, Ebebhaed
X: 147.
Invertierte Wortfolge.
Stören nicht hättest du können so unschuldige Menschen,
Ebebhaed VI: 156.
Obliquus verschwiegen.
Hält er die Zügel des Weltwagens in seiner Hand, so hätte
er ja können — Ibsen 118 jj.
Obliquus nicht vorhanden.
Wie hätte der Beligions friede es gekonnt, Schilleb
(Krieg) ISj^.
Nebensatz.
Gewöhnliche Wortfolge.
Weil die erste und rawe Welt gröber vnd vngeschlachter
war, als das sie hette die lehren von weifsheit vnd himmlischen
dingen recht fassen vnd verstehen können, Opitz 8^.
— 90 —
Die nie auffvnser deutsch noch haben redenkönnen, Opitz 21 5.
Dafs mann . . . noch gar nicht Deutsch hette schreiben
können. Zesen XIV ^
Elier . ... als die ... . Welt davon urtheilen können.
Ebzkajrben 4g.
Eigentlich gründet sich sein Ruhm mehr auf das, was er
, . . hätte leisten können, als was er wirklich geleistet hat.
Dbam. 4i 1 . (Fernere Beispiele genau derselben Art: 4i5und Sjj)»
Wenn wir gestehen müssen, dafs dieser Charakter . . .
nicht anders, als so habe urteilen können. Dbam. 11 19.
Als ob loir hätten weinen können. Dbam, 32^.
Vorstellungen, wie glücklich er habe leben können. Deam. Ö6 -.
Dafs Herr Lambert .... mit Recht hat zeigen können,
Heedfr 9^^
Was er hätte sagen können. Goldeneb Spiegel 152 jg.
Was ich von der Geschichte des armen Werthers nur habe
auffinden können. Webtheb: Vorrede (Ister Satz).
Altere Wortfolge.
Vor dem niemand hat können zu frieden bleiben. Ebz-
naeben 192^0.
Dass du hast können hassen, Canitz 16 jq«
Obliquus zusammengesetzt.
Dafs die Sache hätte können gerathen werden. Mathe-
anjs 443.
Deren Natur . . • nicht hat erforscht werden können,
Hebdeb Ög.
Ich vmndre mich, dafs der Scharfsinn eines Rousseau sie
einen Augenblick daraus habe können werden lassen. Hebdeb
16 7. (Anderes Beispiel: 17 3).
Futurum Exactum.
Er kan nicht ferne von hier seyn, weil er gleichfalls sein
Theil bekam, dafs er unmöglich weite Sprünge wird haben
machen können, Banise 69.
„Lessingsatz" früher.
Difs aber kann keiner beweisen, dafs sie eben selbige Wörter
nicht mit ihren eignen und angebohrnen auch aussprechen
können. Zesen XVI5. (Der Zusammenhang erweist, dafs
hier ein Perfekt vorliegt).
— 91 —
Nachdem die lebendigen euren befehl , . • nicht vollbringen
können, Banise 82.
Weil ich mit aller . . . Mühe . . . bannen können. Simpl. SÖje»
Wie weit der Frey-Herr von Canstein dieses sagen können,
Canitz XXII Anm. linke Spalte Z. 3 v. u.
31an kann ihm unmöglich wieder gut werden j da/s er es
wagen können. Dkam. 6 ^^,
„Lessingsatz" heute.
Wie er mich nicht finden gekonnt, Schlemtbl 71 ^.
Wenn Ihr mich verstanden und mir darauf antworten ge-
könnt, Jensen 41 ^.
Da ich • . . meines lebendigen Geistes gewaltsames Streben
nimmer (= nicht mehr) bemeistern gekonnt, sang ich, Meiss-
ner 48 !•
Abnormales.
Dafs weder ein Feldherr im Kriege noch ein Fürst daheim
Grofses und Segensreiches ohne die Anhänglichkeit der Men-
schen ausführen gekonnt hätte. Cicero 106 3.
Wir weisen auch nach, dafs Homer schreiben gekonnt hat,
Knötel 1X9. (Diese Abnormahtät sehr häufig und vielleicht
mit Absicht bei Rückeet; sieh Kehreins Schulgrammatik ,
3te Auflage, 1865; p. 2123 ; Was er hat vorm Jahr gewollt und
nicht gekonnt vollenden, Dafs er gemufst verrichten, da hab
er gekonnt verzichten, Haben sie gedurft hauchen ihre Flammen,
Sie hätten gemocht entlaufen,)
Weil nur Jesus oder die Samariterin davon erzählen haben
können, Renan I84 (Anm.).
Dafs Jesus . . . die Beise zu Johannes unternehmen hätte
können, Renan 101g. (Diese Wortstellung auch noch zu
finden Simpl. 19 15.)
Wollen.
Hauptsatz.
Gewöhnliche Wortfolge.
Wie offt habe ich deine Kinder versammeln wollen, Vnd jr
habt nicht gewolt, Luther, Matth. 23, 37.
— 92 —
Ich habe aber in meinen Fabeln nie den vortheil brauchen
tüöllen, Albeeus 4^^.
Mit den hob ich mich letzen wellen, Hans Sachs III 21,3.
Habe mich auch dessen offt erkundigen wollen, Zesen XXI ^
Ich habe es daher auch hier versuchen loollen, Cato 81,5.
Er hat das alles jetzt nicht wissen wollen, Dbam. 692 1.
Sie haben ihn drum betrügen wollen. Wertheb 12 2.
Ich habe dir aber nichts davon sagen wollen, Salzmann
(K.) 1240.
Altere Wortfolge.
Die liebenn vetter haben vns wollen in die schrifft füren,
Luther (Adel) 71 ^^
HaW ich sie wollen hier an leichte reime wenden, Opitz 46 ^.
Hättestu wollen ein Landläuffer werden, Erznarren 11 *^
Obliquus zusammengesetzt
So hat die Akademie die Frage . , . einmal aufser Streit
wollen gesetzt sehen, Herder 17 ^
Ich habe diesen Tag nicht kommen lassen wollen, Mügge265 ^.
Invertierte Wortfolge.
Aufdringen habe ich mich nicht wollen, Wichert 39 j.
Fortgehn haV er gewollt und sei ivie gefesselt gewesen,
Eberhard X: 62.
Poesie.
Längst hätf icWs wollen ersetzen, Eberhard I: 135.
Abnormales.
Ich hab nichts bey euch wolt wissen. Luther (Adel) I81,.
Zum andern, liat man sie mit der heyligen schrifft wolt
straffen, Luther (Adel) 67.
laicht zum Trutz, zum Schutz haV ich die Waffe führen
gewollt, Brachvogel 153^.
„ Wie, Imbe ich ihn denn stechen gewollt**. Berliner Tage-
blatt, 2tes Beiblatt No. 446, 2/X 1893. [Worte des Hammer-
schmiedes J. J. Schulte aus Altena.]
Nebensatz.
Gewöhnliche Wortfolge.
Dem ich . . . auch habe nachkommen wollen, Opitz 21 2 3.
— 93 —
Als oh er mir ^ , . das Hertz aus dem Leih hätte reissen
wollen. SiMPL. 20 j.
So möchten sie wol denken, ich hätte sie verachtet, und
hätte jhnen zum Schimpffe nicht reden wollen, Tobias 264.
Wenn ich seinen Gründen nicht hätte Gehör gehen wollen,
Webtheb 64 ^
Wenn man nach den Anforderungen hätte urteilen wollen,
Salzmann (K) 40*".
Dafs mir so ein fremder Gelbschnabel ins Nest habe sitzen
wollen, Hauff 147 5.
Altere Wortfolge.
Das y der man hat wollen ])faff werden und yderman sein
kind drauff studieren lassen, Lutheb (Adel) 463.
Wilchs er hernach hat wollen offinbarn und dadurch des
Endchrists Regiment aufdecken und zerstören, Lutheb (Neu-
bauer) 17^3.
Wie Dauid hat . . . nicht wollen widerstreben, Albebus 46^ 7.
Wenn ihm Teufel und Welt hat wollen angst und hang
machen, Mathesius 275.
Weil Gott der Allmächtige durch mich euch hat wollen an
dise Welt gezeuget werden, Moschebosch 22 ^
Obliquus zusammengesetzt.
Dafs sie der Sohn für keinen Preis dem Alten hätte wollen
bekannt iverden lassen, Engel 16 ^^
„Lessingsatz" früher.
So viel ist es, was ich von vnserer Poesie auffsetzen wollen,
Opitz 5433.
Ein ander kriegte den Abschied, weil er behaupten wollen,
Eeznabben 43 15.
Wenn man erfährt, dafs der Himmel ihn noch retten
wollen, Dbam. 55 j.
Weil man ihn von dem Trauerspiele des Herrn von Brave
. . . unterscheiden tvollen. Dbam. 58 2.
(Andere Beispiele: Dbam. 62 ^j 88*"; 10 3; femer: Canitz
XXIV 1^; CCIX9, XXXV1I9, xxxvins xxxvinis
LIv*^ 510, 7^0.)
— 94 —
„Lessingsatz" neu.
Dafs auch weder die Sehe noch das Ächterwasser etwas
hergeben gewollt. Meinhold 59 g.
So mich anfänglich nicht mitnehmen gewollt, AIeinhold 139 *.
Man erinnerte sich an 1848, tvo Bismarck den phaetoni-
sehen Flug der Kaiserpolitik verspottet, die grofsen Städte von
der Erde vertilgen gewollt und gehofft hatte, das Narrenschiff
der Zeit am Felsen der Kirche scheitern zu sehen. HannÖv.
COHRIBE 1887.
Und da mich niemand segnen gewollt, so haben sie mich
gesegnet. Voss 49 ^
Das, was er sagen gewollt, sank mit ihm ins Grab. Hoff-
MAXN5 JUGENDFBEUND 86821.
Der seinem Schutzpatron folgen gewollt. Beachvogel 964.
Obliquus nicht vorhanden.
Vnd jr habt nicht gewolt. Lutheb, Matth. 23, 37.
Was er einmal, zweimal nicht gewollt hatte, schiebt er nicht
zu können. Dram. 40^0.
Dafs die Frau, auch tvenn sie gewollt, ihn nicht wieder
hätte aufnehmen können. Werther 676»
Ohne sie hätten wir anzetteln können, was wir hätten wollen,
wir hätten doch nichts zuwege gebracht. Hauff 107 ^^
Abnormales.
Das sie es nit Imt wolt vmb sonst auffnehmenn. Luther
(Adel) 57,,.
Wie wol viel . , . yhn haben wolt erredten, Luther (Adel) 67 *ß.
Wenn er . . . zurückbleiben gewollt hätte. Cicero 2143.
[Die ganze Stelle lautet: . . . wenn er über die Gefangenen
nach seinem persönlichen Nutzen, nicht nach dem des Staates
gestimmt oder daheim zurückbleiben gewollt hätte. Der Grund
der Abnormalität ist hieraus leicht ersichtlich; er liegt in der
p. 62, § 49 besprochenen Schwierigkeit. Geschickt vermeidet
die Schwierigkeit Wilh. Osterwald in seiner Übersetzung
CiceroB p. 1532 • • • • hätte er entweder in Betreff der Ge-
fangenen zu dem scheinbar für ihn, nicht aber für den Staat
Nötigen geraten, oder zu Hause bleiben wollen. Osterwald
läfst also die einleitende Konjunktion aus und erhält dann for-
mell Hauptsätze, die weiter keine Schwierigkeit mehr bieten.]
— 95 —
Mögen.
Hauptsatz.
Gewöhnliche Wortfolge.
So haben sie auch irren mögen, DiALoaE 25 j 4.
Ich hätte ihm befehlen mögen, wie ich hätte mögen, es hätte
nicht gesungen, Hauff 50 9.
TJnd als er des Königs ernsthaftes Gesicht lachen sah, . . .
hätte er Lina erioürgen mögen, Mügge i486.
Wir hätten wollen mögen oder nicht, Bismabck (Meyer)
260,0.
Um nichts in der Welt hätten wir dich aus dem Hause
geben mögen, Belot 45.
Altere Wortfolge.
Haben die Bejpste vnd Born er bifsher mugen durch teuffels
hui ff, die kunig in einander werren, Lutheb (Adel) Big«
Kein Turk het welschlandt fso mugen vorterben vnd gottis
dienst nyderlegenn, Lutheb (Adel) 19 ^^
Hat das volck von Israel mugen bestehen, Luther (Adel)
Das niemand sein heubt hat mügen aufheben, Lutheb,
Sacharja. 1, 21.
Obliquus zusammengesetzt.
Ich hätte wohl ein altvätrisches Gespenst in einem so ga-
lanten Zirkel mögen erscheinen sehen, Dbamatubgib 43 ^*.
Abnormales.
Nu hat der Römisch geytz vnd raubstul, nit mocht der zeit
erwartten, Lutheb (Adel) 23 ^.
Nebensatz.
Das sie niemant hat mugenn reformierenn, Lutheb
(Adel) 612.
Der mir darin hätte gleichen mögen. Simpl. 9 ^^
Dafs ein Stein in der Erde sich hätte erbarmen mögen.
Salzmann (K) 35 4.
Abnormales.
Vnd do sie das nit habenn mocht schickenn. Lutheb
(Adel) 7420.
— 96 —
Sollen.
Hauptsatz.
Gewöhnliche Wortfolge.
Sie hätte nicht löse werden sollen. Dsam. 52 ^
Da hätte man sehen sollen, wie emsig das liebe Mädchen
nähte. Salzmann (K) Söjß.
Altere Wortfolge.
Hierneben habe ich auch nicht sollen vnverwehnet lassen,
Opitz 59 ^
Ja, er hätte es sollen wissen. Eeznabben 224^8 (X).
Wo hätten denn die andern Akte sollen herkommen.
Dbam. 654.
Obliquus zusammengesetzt.
Er hätte die Phädra allein sollen rasen lassen. Cato 102^4«
Wie hätte sich dieser Kaiser sollen in den Sinn kommen
lassen. Schtlleb (Krieg) 1420«
Ich hätte ihn hier töten lassen sollen. Ibsen ST^g.
Nebensatz.
Welchen sie lengest hette kriegen sollen. Opitz 54 1.
Weil er . . . difs hat wissen sollen. Ebznabben 224 *^
Hier würde ich es kühnlich wagen, zu thun, was der Dichter
hätte thun sollen. Deam. öTj^.
(Anderes Beispiel 92,4).
Müssen.
Hauptsatz.
Gewöhnliche Wortfolge.
So haben weise Männer . . . verstecken vnd verbergen
müssen. Opitz 9^.
Man hat es aber aussetzen . • . müssen. Canitz XLH*.
Die Liebe des Vaterlandes . . . hätte den Codrus allein
auszeichnen sollen: er hätte als ein einzelnes Wesen . . . da-
stehen müssen. Dbam. 63.
Du hättest für mich ein paar Wege gehen müssen. Salz-
mann (K) 89ie.
— 97 —
Peter Valerian hatte nach Jüterbog gehen müssen, Bbach-
VOGEL ÖOiQ.
Altere Wortfolge.
Drumb haben sie müssen fallen, Luthek (Adel) Öj.
Und er hat müssen spinnen für grosser Liebe, Luther
(Neubauer) 11 ^K
Ich habe müssen zuhören Sie herabsetzen, Weether öOjj.
Alle Felsen rundum haben müssen Euren Namen lernen.
Mtattli 49 13.
Er Mite sie müssen befreien, Renaed 969.
Invertierte Wortfolge.
Aber zurücklassen hat er sie doch müssen. Fliegende
Blättee vom 1. Okt. 1893 p. 124 („Ein gutes Geschäft").
Obliquus nicht vorhanden.
Sie waren schon oben gewesen im Gebirge j hatten aber
wegen des Schneefalles vorgestern wieder herunter gemufst,
Seeeeld 37 ^^
MufsV eben auch mürW werden; haben^s alle müssen, da-
gegen hilft nichts. Villingee 9^^.
Abnormales.
Drumb hats must fortgahen, Luthee (Adel) 42 ^. (Hier-
mit zu vergleichen: Luthee, 1 Sam. 14, 30: Weil aber das
Volck heute nicht hat müssen essen, Luthee, 1 Macc. 1, 12:
Denn wir habeyi viel leiden müssen,)
Nebensatz.
Auff dero geheifs er , , , seinen blühenden jungen leib . , .
hatt au ff opfern müssen, Zesen XXXjq.
Dafs er nicht hätte hören müssen, Eeznaeeen 3I19.
Mit welchen sie am meisten haben umgehen müssen,
Zesen XIiq.
Obschon sie hätten ihr Leben opfern müssen, Ibsen192i7.
Sie antwortet nicht einmal auf diese Eröffnung, die sie
doch begierigst Mtte ergreifen müssen, Deam. 962.
Obliquus zusammengesetzt.
Deren Wert er an sich selbst hatte schätzen lernen müssen,
ScHiLLEE (Erzählungen) 11 ^,
— 98 —
Ist es nicht schade, . . . dafs eine so schöne Prinzessin
sich hat müssen einspinnen lassen, Oberhop 90^ 5.
„Lessingsatz" früher.
Nun wäre weiter nicht an die Heirat zu denken, wenn
nicht Lisander selbst sich . . . zu dem . . . Stande herablassen
müssen. Deam. 68^.
(Anderes Beispiel: Dbam. 953).
„Lessingsatz" heute.
Dafs ich es finden gemüfst. Meinhold 56 K
Diese arme Magd, so mich versuchen gemufst. ISIeinhold
78 '\
Dürfen.
Hauptsatz.
Gewöhnliche Wortfolge.
Vnd habe mich vnterwinden dürffen (^= gewagt^. Opitz 49 *^.
Hätte sie ihn einer ihrer Freundinnen verheiraten dürfen.
Weethee 93 17.
Ich haWs noch niemals bereuen dürfen ('= brauchen). Otfeted
Mtliüs (:Die Opfer des Mammon. Recl.Uiiiv.-Bibl.No.l619— 20)
p. 16 \
Altere Wortfolge.
Es hätte niemand den geringsten Schertz dürffen vorbringen.
Erznareen 193 ''.
Ich habe nicht einmahl dürffen herauskommen. Tobias 92 *.
Obliquus zusammengesetzt.
Er hatte sich ja seine Herzensfreude vor dem klugen Alten
nicht merken lassen dürfen. Hauff 91 jß-
Abnormales.
Er wird sich freuen, mir jesund wiedersehen jedurft zu
haben. May 231 5.
Nebensatz.
Es ist wirklich viel gutes Komisches darin, dessen sich
Moliere nicht hätte schämen dürfen (=^hraMcheji). Deam. ÖTjs.
Am meisten empörte es die Protestanten, dafs der Papst
sich hatte herausnehmen dürfen (= wagen). Schellee
(Krieg) 26^2,
— 99 —
Hat es schon irgend ein französisches Ministerium ge-
geben, welches hat wagen dürfen, öffentlich und bedingungslos
zu sagen. Bismarck (Meyer) 218*2^
Es hätte auch der Teuffei mit ihr . . . Bindfleisch gegessen,
welches aber nicht hat dürffen hart gesaltzen seyn. (Cübt)
Müller 162 «.
Lassen.
Hauptsatz. I. Ersatzhaft.
Gewöhnliche Wortfolge.
Und habt euch nit an der tauf benügen lafsen. Dlä.-
LOGE 35i6'
Auch hat mann schon die grossen haupt'U an etlichen
Orten giessen lassen, Zesen XXXVI ^
Der hätte sich in allen Traumbüchern belernen lassen, was
die Händel bedeuten solten. Erzn. 179 jq.
Die Kirche hat mir die Wohnung bauen lassen. Toblis 99 ^^
Den Marcus aber habe ich nur todt vor ihn bringen lassen.
Cato 32^3,
Haben sie dennoch . . . eigenmächtig drucken lassen. Triller
(„Neue Vorrede'* p. 11 3. [Seiten nicht numeriert.]).
Auch habe ich mir einen machen lassen, ganz wie den
vorigen. Werther 689.
Man hatte mich zwischen zwei Weibspersonen sitzen lassen.
Schiller (Erzählungen) p. 17"^.
Sie hätte sich doch von keinem andern schnäbeln lassen,
Hauff U8^
Er hatte .... mehr als einmal dem Kammerjunker seine
Überlegenheit fühlen lassen. Mügge llTu-
Eine ganze Woche lang hatte Lornsen sich nicht ... sehen
lassen, Mügge 129 9.
Er hatte manches Gute gethan, oder doch von Bernstoff,
seinem berühmten Minister thun lassen, Mügge 145 13.
Es hat nur eine ganze Reihe von Punkten des Gothaer
Programms fallen lassen. Keichstag (Bebe!) p. 109 j (Fufs-
note).
— 100 —
Er hat dort in fetten Buchstaben drucken lassen. Beichs-
TAG (Bachern) 133 2».
••
Altere Wortfolge.
Vnd haben etlich den teuffei fso starck lassen in yhn re-
gieren. Luther (Adel) I85. (Dies lassen kann als Ersatz
und auch als Particip aufgefafst werden. Denn Luther bildet
seine Participia durchgängig noch ohne ge-f wenn er nicht das
Hülfszeitwort ausläfst; und selbst dann kommt das Particip
ohne ge- bei ihm vor. „Adel", 15 20-' y^d nach yhm viel
ander keyfser desselben gleichen than = Und nach ihm haben
viele andere Kaiser dasselbe gethan).
IL Ersatzlos. 1. Aktiv.
.... hat der Herr Abgeordnete verschwiegen und fallen
gelassen. Bismarck (Spemann, Band 13) 91 g.
Er hatte das unbekannte X einer transcendentalen Welt
stehen gelassen. Prof. Dr. Schultze 176 *^
Er . . . entschuldigte sich geradezu, mich so lange warten
gelassen zu haben. PrehjAnd 14,0.
2. Passiv.
Damals wurde derselbe von ihm im Reichstage und draufsen
im Lande in allen Versammlungen paradieren gelassen. Eeichs-
TAG (Bachern) 43 ^^
Diese Forderung ist im Erfurter Programm ebenfalls
fallen gelassen. Reichstag (Hitze) 97 j 3 (Fufsnote).
So dafs beide . . . fallen gelassen werdest mufsten. Beichs-
TAG (Nachwort) 161 g.
Sodann wurden drei Ballons aufsteigen gelassen. Gobineau
Häufiger hat es uns scheinen wollen, dafs die ersatz-
losen aktiven Formen nur dann bei lassen vorkämen,
wenn der Obliquus nicht passive Bedeutung hat; oder —
besser ausgedrückt — wenn das Objekt des Gesamt-
prädikates nicht Objekt des Infinitivus Obliquus, sondern
Subjekt desselben ist. Also:
Die Mutter hat das Kind fallen lassen, oder: gelassen;
aber:
— 101 —
Die Mutter hat das Kind taufen lassen, nicht: gelassen!
Ich habe den Knahen stehen lassen, oder: gelassen;
aber:
Ich hahe den Knaben erziehen lassen, nicht: gelassen!
(Ferner will es uns bedünken, dafs die ersatzlosen
Formen häufiger bei lassen = laisser, weniger häufig bei
lassen == faire vorkommen. Dies zu erweisen, sind wir
allerdings mangels Belege aufser stände).
Ist unsere Vermutung richtig, dann mufs es also auch
einigermafsen gegen unser Sprachgefühl verstofsen, wenn
man etwa sagt:
Er will das Buch drucken gelassen haben;
statt :
Er tvill das Buch haben drucken lassen;
wogegen:
Er ivill das Buch fallen gelassen haben
neben:
Er tvill das Buch haben fallen lassen
passieren könnte.
Ferner wohl:
Er scheint das Buch fallen gelassen zu haben ;
aber nur aufgelöst:
Es scheint, dafs er das Buch hat drucken lassen,
weil:
Er scheint das Buch drucken gelassen zu haben,
oder :
Er scheint das Buch haben drucken zu lassen
nicht möglich sind.
Heyne führt an Apostelgesch. 10, 29: So frage ich
euch nUj Warumb jr mich habt lassen foddern. Diese
Stelle übersetzt v. Ess wie folgt: Aus welcher Ursache
habt ihr mich rufen lassen] Reischl: Ob welcher Ursache
halt ihr mich holen lassen; Kistemaker: Aus welcher
— 102 —
Ursache habt ihr mich rufen lassen, Bibel-Brockhaus:
Um welcher Ursache willen habt ihr mich holen lassen.
Keiner also umgeht den Ersatz. Die Stelle bedeutet
aber auch: Pourquoi m^avez-vous fait venir, nicht: laissS
und das mich ist Objekt des Holens, nicht Subjekt.
Dagegen: Oü les avez-vous laissis accroche^' = „Wo
habt ihr sie hängen gelassen^^, (hier ist sie Subjekt des
Hangens!) Reineke Fuchs, Ausgabe von Reclam in seiner
Univ.-Bibl. p. 17 5.
(Über das Auftreten und Fehlen des Ersatzes haben
wir keine Angaben gefunden in BDeyse, Wörterbuch,
2ter Teil, p. 193 ; auch nicht in dem von Sanders, Band II,
Erste Hälfte, p. 32, Sp. 227. M. Heyne, Wörterbuch,
2ter Band, Spalte 560 ^ spricht sich ebenfalls nicht da-
rüber aus, so weit wir gesehen haben.
Versuchen wir das oben über lassen Gesagte mit dem
hier ausgeführten zusammenzufassen und in einer Regel
auszudrücken, so möchten wir sagen:
Besteht das Prädikat eines Satzes aus dem
Hülfszeitwort lassen mit einem davon abhängigen
obliquen Infinitiv und hat das Prädikat ein
Hauptwort im Akkusativ als Objekt bei sich,
dann sind 2 Fälle zu unterscheiden:
1) Das im Akkusativ stehende Hauptwort ist
begrifflich Subjekt der in dem obliquen Infini-
tiv genannten Thätigkeit, alsdann sind in den
aktiven Formen von lassen Ersätze und eigent-
liche Participia im Ganzen wohl gleich beliebt
und lasset! gestattet auch die Bildung eines
Passivs und nimmt dabei den Akkusativ des
aktiven Satzes als Subjekt im Nominativ zu
sich; —
— 103 —
2) das im Akkusativ stehende Substantiv ist
begrifflich Objekt der im obliquen Infinitiv
genannten Thätigkeit, oder, wie man zu sagen
pflegt, der oblique Infinitiv hat passive Be-
deutung,
alsdann sind eigentliche Participia in den ak-
tiven Formen unstatthaft und ein Passiv ist
unmöglich.
Nebensatz . L Ersatzhaft.
Gewöhnliche Wortfolge.
Dafs ir uns so lavg haut verfüren lafsen und habt sovil
Prediger diser ler also lang mit disputieren unangefochten
gelassen, Dialoge 21 jj.
Wie er sich an seinem Tische oft hat vernehmen lassen,
Mathesius 253.
Gotty der du mich der weit gehurt hast sehen lasset!,
Opitz 21^.
Als wenn ich den Catonem . . . hätte auflegen lassen, Erz-
narren 3 9 .
Dafs ich den Schelmen , , . habe aufwarten lassen, Tobias
22i8. (Anderes Beispiel 74 9).
Der sich die Tragische Poesie hat angelegen sein lassen.
Cato 16 'K
Da (= während) man es , , , daran nicht hatte fehlen lassen,
Cato 23i2»
Nun fiel mir ein, dafs der Mann vor acht Tagen hatte
taufen lassen, Werther 29 2^; (andere Beispiele 41 3; 93 2 ;
107 8).
Wo er sich . , . hatte huldigen lassen, Schiller (Erz.) 66^^,
Als dafs sie jene wichtigen Dinge . . . ohne Aufsicht hattest
stehen lassen, Ibsen 99^.
Dafs sie sichs grofse Summen würden haben kosten lassen,
Mendelssohn lÖj^.
Altere Wortfolge.
Es mufs ein hesundere plage von got gewesen sein, dafs
fsouiel vorstendige leut, sich haben lassen beredest, Luther
— 104 —
(Adel) 3817. (Dies lassen kann auch ein wirkliches Particip
sein; p. 38*' sagt Luther Wer hat es yhm geben?)
Die Heiden sagen von ihrem Hercule das er sich habe
lassen zuletzt die Weiber 'narren, Luther (Neubauer) 77^
(= „dafs er sich zuletzt von den Weibern habe verspotten
lassen".
Im alten gesetz hat got die Rirten sein wort lafsen ver-
künden, Dialoge 2635.
„Lessingsatz" früher.
Dafs sie nicht leichtlich etwas öffentlich aufskommen lafsen.
Opitz 502. (Der Zusammenhang erweist hier das Perfekt).
Er gehört gewifs unter die Juden ^ welche zwey hundert
Jahr vor Christi Geburt das neue Testament in einem Felsen
gefunden und sich dahero tauffen lassen. Tobias 76io.
. . . den Gehorsam, , . . den sie, von Anfang ihres Lebens
gegen Ihre , . . Frau Mutter blicken lassen. Canitz 190 ^^
„Lessingsatz" heute.
Fm Buch, welches er auf dem Tische liegen gelassen, Ebers,
p. 6, Spalte I39.
IL Ersatzlos.
Das (ich dich) lebendig aus meinem rächen kommen ge-
lassen habe, Luther (Fabeln) 12^.
Welche sie liegen gelassen hatten, Jarz 42i7.
Ich will mich nur eben erkundigen, ob ich nicht die Nacht
meinen Hut dort hängen gelassen habe. Berliner Tageblatt
(Mai 1893).
Abnormales.
Wein... den sie stehn lassn hadtn, Botsteber 41 3.
Dafs wir , , . beuelchen lassen haben. Karl V, 9 ^.
Nicht dafs sich nicht auch hier . , , mehrere gute Seelen
rühren hätten lassen, Kenan 250 j. (Zwei andere Beispiele
dieser Abnormahtät 251 15, 252 j.)
Machen.
Ehe wir den Stoff zu diesem Zeitwort bieten, noch
eine Bemerkung. Machen mit einem Accusativ und reinem
— 105 —
Infinitiv z. B. jjicli mache Hin glauhen" kommt heute ver-
hältnismäfsig wenig vor. Eigentliches Gemeingut aller
Sprechenden sind nur die Ausdrücke von sich reden
machen, glauben machen, zu schaffen machen, zu thun
machen* Die andern, die hin und wieder nach Analogie
dieser oder in direkter Anlehnung an franz. faire oder
englisches maJce versucht worden sind, haben noch ein
ungewöhnliches, wenn nicht geradezu fremdartiges Ge-
präge. Dies gilt namentlich von Ausdrücken wie lachen
machen, weinen machen, steigen machen, verschwinden
machen und ähnliche. Man braucht sich deswegen nicht
zu wundern, dafs diese Verbindungen von machen + Äcc,
+ Inf. von namhafter Seite für Gallicismen gehalten
worden sind: Heyse (Äusf Lehrbuch, 1844; 2ter Band,
p. 126 16) sagt nämlich: Diese letztere Fügungsweise ist
jedoch im Deutschen auf wenige Anwendungen beschränkt
und scheint ein GaUicismus zu sein. Diesen Namen
werden sie nun aber doch wohl nicht mit Recht führen,
wenn auch das besonders häufige Auftreten derselben
gegen Ende des vorigen Jahrhunderts wohl auf kaum
etwas anderes als französischen Einflufs zurückzuführen
ist. Einzelne Beispiele lassen sich eben bereits aus sehr
früher Zeit anführen: Amis, Wolfdietrich, Rabenschlacht,
Narrenschiff, Geiler. Dann nennt Ebdmann (p. 111) aus
der Bibel von 1470 die Stelle 1 Mose 2ü, 22: Nu hat es
Gott machen wachsen, wofür Luther sagt (Bindseil-
Niemeyer, Erster Teil, p. 53) Nu hat vns der Herr räum
gemacht vnd vns wachsen lassen im Lande; und M. Heyne
führt an 4 Mose 14, 36 aus Luther: Die Menner, die
Mose gesandt hatte . . . vnd da wider murren machten die
gantze Gemeine, Ferner weist Adelung in seinem grofsen
Wörterbuche (Ausgabe von 1807; dritter Teil, Spalte Öse)
auf die Stellen hin bei Luther: 5 Mose 27, 18: Verflucht
— 106 —
setfy wer einen Blinden jiren macJit auff dan Wege; 2 Sam.
12, 14: Aher weil du die Feinde des Herrn hast durcli
diese Gescliidit lestern gemacld; 1 Kon. 14, 16: Jerdbeanu
der da gesündigt hat vnd Ifrael hat sündigen gemacld;
Jesaia 38, 16: De^in du liessest mich entschhffen, V9id
machtest mich Jehen (Wir haben diese Stellen nach Bind-
seil -Niemey.er angeführt). Und wir selbst fanden an
Belegen: Lutheb, 1 Kon. 21, 22 : Da mit du erzürnet
und Ifrael sündigen gemacht hast Jesaia 14, 16: ikf das
der Many de^' die Welt zittern vnd die Königreiclie hd)en
machete; Hans Sachs, Dialoge 24 20: Wenn man nur die
evangelischen predig&r kunt sdnveigen machen; Derselbe
4624: macht manglen die dürftigen der crd; Ders. 56 i^:
Und macht sie gritnen; Cuet Müllee 162^2 (ans dem
Jahre 1621): Man könte die Kühe zu melcken machen;
SiMPLicissiMUS 219 1^: Darauff erlaubte ich ihnen . . .
meinen . . . Leih • . • empfinden zu machen; EnzyAKREy
119": Das Iconte niemand zu stehen machen; Derselbe
197 ^: Ich 7vill den Wcil^'n hald zu reden machen; 'Eitles-
SPIEGEL 17": Und machte die Leide glaulien; Drama-
turgie 40s: Sie halten Scmien, die uns atis Herzensgrund
zu lachen machen; Ebenda 85 25-. Macfd uns nidd Josias
zu lachen; Wekther 820: Die uns so oft zu lachen
machten; Eben da 51 ^: Das macht midi zu lachest;
Schiller (Erzählungen) 62 J^*: Die Höhe machte seinen
Ehrgeiz schwindeln.
Sehr bezeichnend finden wir es, dafs Voss, Odyssee
4, 801 ursprünglich sagte:
Dafs sie Penelopeia, die Jammernde, Hcrzlichl^rühte
Buhtm mache vom Weinen
und später veränderte: Buhen //efse vom Weinen.
Voss scheint das ruhen machen also nicht behagt zn
liaben. Auch sagt Ai)ELr>'G (WöHerhwh, 1807; Dritter
— 107 —
Teil, Spalte 528) jjMan tadelt diese Wortfügiinr/^^ und nennt
in seiner Sprachlelire für Schiden (Ausg. v. 1816, p. 37Gii
und p. 377 7) als Ausdrücke, in denen machen + Inf, steht
nur: ^^lachen machen y weinen machen, oft auch gehen
machen, laufen machen.^^
Hiernach sind wir wohl zu der Annahme berechtigt,
dafs machen + Äcc. + Inf zwar schwerlich als Gallicis-
mus angesehen werden kann, in seiner Bildung aber
trotzdem über kaum etwas mehr als Ansätze hinaus-
gekommen ist. Und dann braucht es denn auch wohl
nicht aufzufallen, dafs unsere Belege für dasselbe und
sein Verhalten zum Participersatz nicht gerade zahl-
reich sind.
Hauptsatz.
Das hat mich zu lachen gemacht, Weethee 33 ^^
Meine Bestürzung hatte mich dieses glauben gemacht,
ScHiLLEE (Erz.) 13 '^0.
Ein solcher Gedanke hätte manche andere tanzen gemacht.
Haupf 174 3.
Er hat wirklich genug von sich reden machen, Beach-
VOGEL 148,5.
Seit sieben Jahren hat Freiland viel von sich reden ge-
macht Feeiland 253.
Die Medchen hadtn , , , ihm lachn gemacht, Botstibee
12n.
Nebensatz.
Gemütsart^ die mich . . . manches hat leiden machen, Goethe
(in GoEDEKE 137 ^^),
Nachdem das Elend der folgenden Regierungen das Elend
der seinigen vergessen gemacht hatte, Schillee (Krieg) 36^^.
Was Tausende vor ihm straucheln gemacht hat, Schillee
(Erz.) WK
Er erklärte, dafs ihm die Geschichte Aioollos viel zu denken
gemacht, KeenningH^.
Hierzu gesellen sich noch die drei vorhin citierten
ersatzlosen Stellen aus Luther: 2 Sam. 12, 14; 1 Kön.
— 108 —
14, 16; 1 Kön. 21, 22 und das ersatzhafte Beispiel aus
der Bibel von 1470.
Das giebt denn im Ganzen 14 Beispiele oder (wenn
wir das aus Kernning als modernen „Lessingsatz", der
den Ersatz nicht mehr gestattet, aussondern) 12 Bei-
spiele, unter denen 11 ersatzlose und nur 2 ersatzhafte.
Nach unserer Erfahrung können wir also nicht anders
' als den Ersatz im Verhältnis zu dem eigentlichen Particip
für ziemlich oder vielmehr für durchaus selten zu er-
klären. Sanders meint aber, das eigentliche Particip
überwiege nur „im allgemeinen" und nach Geimmä Wörter-
buch ist der Ersatz sogar üblicher. Handelte es sich
hier nicht um Grimm und Sanders, so wären wir mit
unserm Urteil schnell fertig; wir sagten einfach, ihre
Angaben seien nicht richtig.
Aber was nun? Verlohnt das Wort etwa eine
Sonderuntersuchung? Wenn ja, dann später!
Sehen.
Hauptsatz. I. Ersatzhaft.
Gewöhnliche Wortfolge.
Er hätte den Friester hey Vollendung des Brieffes lachen
sehen. Erznarren 27 2.
Ich kam und habe selbst den Cato liegen sehen. Cato 96 ^.
Ich hab manchen sterben sehen. Werther 102^.
Der Bediente sagte ja, er habe dessen Pferde dahinführen
sehen. Werther lOSj^.
Ich habe ein fallsüchtiges Weib gesund aus der Kirche
gehen sehen und den Gott der Galiläer preisen. Ibsen 119 * 2.
Altere Wortfolge.
Und niemand habe sie sehen fortwandern. Zschokke 131 *.
IL Ersatzlos.
Es ergab sich, dafs Agathyrsus . . . zwei Störche . . . über
dem , , . Teiche schioeben . . . und . . . einen seiner . . . Be-
— 109 —
wohner . . . die Beute derselben werden gesen habe, Abdeei-
TEN 1999.
Er hat einen Mann zu sich hereinkommen gesehen» v. Ess:
Apostelgesch. 9; 12.
Die eine wollte auch glühende Augen durch die Zweige
funkeln gesehen haben, Judenbuche 1042.
So würde er die Kolonne die Linie aufwärts verfolgen ge-
sehen haben, Scheer 102 2.
Wachtmann hatte . . . den Kapitän ein Stück Holz auf-
nehmen gesehen, Schmidt 42 *^
Ich hab noch keinen Jungen so leicht in der Patsche kommen
gesehn, Botstibeb 624.
Wir haben Vorlagen recht unerfreulich verkümmert und
verändert zurückkommen gesehen, Bismaeck (Meyer) 225*"'.
Nebensatz.
Gleichwie ich beym Tantz hatte thun sehen, SniPL. 93 * ^
Dafs er sie , . . bitterlich habe weinen sehen, Hauff 140 *^.
„Lessingsatz" früher.
Und es ergab sich , , , dafs man sie öfters über dem ge-
heiligten Teiche schtveben sehen, Abderiten (Ausg. von Ph
Eeclam in dessen Univ.-Bibl. No. 332—34) p. 237i9. [^ ^^r
oben angeführten Ausgabe steht die Stelle anders, nämlich
wie oben!]
„Lessingsatz" heute.
Die Götter wissen es, , , , mit was kummer ich jederzeit
das licht der Sonnen aufgehen gesehen, Banise QOq.
Die Blitze, die wir schon lange am Horizonte leuchten ge-
sehen, Werther 20 ^
Nachdem er . , , Helene sich zu einem so unfreundlichen
Spaziergang anschicken gesehen, Gottsched 28 ^
Nachdem ich seinen Diener aus dem Hause gehen gesehen.
Grüner 102 \
Dies sind also neun Beispiele mit Ersatz, sieben mit
eigentlichem Particip und vier moderne „Lessingsätze".
Hieraus dürften wir denn wohl den Schlufs ziehen,
dafs alles in allem genommen bei sehen Ersatz und Par-
ticip sich so ziemlich das Gleichgewicht halten. Unserem
— 110 —
eigenen Sprachgefühl sind allerdings die ersatzhaften
Eormen lieber. Eine etwaige Eegel für das Auftreten
resp. Fehlen des Ersatzes haben mr auch wiederholt
gesucht, aber nicht finden können.
Hören.
Hauptsatz. I. Ersatzhaft.
So Jiab ich ein mal hören sagen, Alberus 19 2.
Da sprach der Frosch, Ich hin geivesen
Zu Collen f vnd hob hören lesen, Alberus 174*^.
Wer hat zue vor auch nicht von r lesen hören sagen.
Opitz 21,4.
Quin, hah ich datvider erinnern hören, ist kein schlechter
Schauspieler gewesen, Dram. 30 ^
(Anderes Beispiel dieser Art 51 ^0.)
Sie hatte sich noch von keinem Menschen Braut nennen
hören, Haut'f löOjs-
Ich habe davon sprechen hören, Mügge 6814.
IL Ersatzlos.
Von tvilden g et wer gen hän ich gehoeret sagen. Nibelungen.
(Angeführt im grofsen Heyse, I; 1836; p. 787 17).
Er habe den Hr, Doctor rühmen gehört. Erzn. 118 ^^
So hatte sie dieses Instrument nie spielen gehört. Hauff 73 ^.
Ich hatte oft, sehr oft von ihm sprechen gehört. May 222 ®.
Ich habe sie früher nie so sonderbar sprechen gehört. Thö-
roddsen 144 ^^.
in. Schwanken.
Man hätte eine Mücke fliegen gehört, Erckmann-Chatrian
(Meyer) 33i2« Ders. p. 38^.
Ich habe aber nicht davon sprechen hören, Pemer Lessing,
• •
Dram, 30^ u. 51 1^: Ersatz; dagegen in der Übersetzung von
Diderots Hausvater, 69^; Particip.
IV. Hören neben Sehen,
Es ist schwer, sich einen gellebten Menschen , den man
frisch und gesund hat scheiden sehen, tot zu denken. Hat man
ihn bleich und starr vor sich gehabt in dem schwarzen Sarge und
— 111 —
seine kalte Hand gefafst und die Erde auf den Sarg poltern
gehört, "Wicheet 37 ^^ — ^^
Er hatte beide weinen sehen, beide schreien gehöret. Haus-
vater 69 ^^
Sie hatte . . . von dem „verrückten Baron'' erzählen ge-
hört, "WrLDENBEUCH 17 ^
Vorhin, als sie den blassen einsamen Mann , , , an der
Thür hatte lehnen sehen, Ders. 17 ^
Nebensatz. I. Ersatzhaft.
Die sie am Abend zuvor mit Heilingen , , , hatte flüstern
hören. Köener 14^0,
Sobald sie ihn droben hatte eintreten hören, DANArDE2177.
IL Ersatzlos.
Er gehet nach dem Ort, wo er gehen gehöret, Haus-
vater 14^.
Ob Anton nichts in der Kärntner gehen gehört habe,
Eeiser 56 ^*.
Null liefse sich zehn gegen eins wetten, ob sie den Frieden
verkündigen gehört haben, Arenz-Clümper 5i.
Die tvir als die schönste der Gegend hatten rühmen gehört,
NORDAU 39 6 .
Als hätte ich auch Ihren Namen nennen gehört, Danaide
221 ^
Den wohl niemand . . . laut sprechen gehört hat, Meiss-
Das sind also 14 Participia gegen 8 Ersätze (die sich
aufhebenden schwankenden Fälle nicht mitgerechnet).
Demnach darf man wohl annehmen, dafs bei liören das
Participium im ganzen genommen überwiegt. [Nichts
desto weniger werden von hören bereits aus dem Mhd.
Belege für den Ersatz angeführt:
Ich hän des hoeren jehen: Gudrun (aügeführt in Becker
1836, femer im grofsen Blatz). Ir habt ez ofte ho^ren sagen:
Rabenschl. (auch in Blatz); doch sind die Handschriften
beider Gedichte nicht älter als das 15 te Jalirh.]
Hören in der Bedeutung vernehmen, erfahren hat nur
einen Objektsatz, keinen Infinitiv bei sich. Mügge 10 ^^r
— 112 —
Ich hohe nie gehört, dafs unter den Friesen sich eine
Familie Hammersteen befunden hätte.
Lehren.
Hauptsatz.
Mich hat mein eignes einzustellen
Bescheidenheit und Scham gelehrt, Teillee 11 ^".
Ich habe dich selbst gelehret reden, deiiken und empfinden,
Hausvatee 3615.
Wer hat den Mann gelehrt, . . . mit einem einzigen Kopf-
drehen uns auf einmal zu zeigen, Deam. 80^*.
Ich habe dich gelehrt, den Bogen zu führen und den Jagd-
spiefs zu toerfen; ich habe dich gelehrt, die Tautropfen zu
zählen . , ,; ich habe dich gelehrt, in der Nacht wie am Tage
den geraden Weg zu deinem Wigwam zu finden. Bieenatzki,
Der braune Knabe, (1839); Meyers Volksbücher No. 513—517,
Seite 140^3.
Du hast mich gelehrt beten und fiehen. Derselbe p. 267 ^^
Diese Kräuter habe ich mit Mühe kennen gelernt, mit Mühe
habe ich sie mein Weib und meinen Sohn kennen geleh* .
Heedee 83 2.
Du hast mich dich lieben gelehrt, Schlemihl 44 ^
Die Humanisten hatten ihn , . , diesen , . . Schacher . . .
gründlichst verachten gelehrt, Beachvogel 32 ^ K
Erst vor kurzem hat mich ein glücklicher Zufall ein Schrift-
stück kennen gelehrt, Beügsch 355.
Mose hat Jahve , , , verstehen gelehrt. Doeene 16 ^^.
[Wer hat dich so geler et teilen; Luthee, (Fabeln) 10*^;
Wer hat dich so leren teilen; Ders. 18 jj!]
Nebensatz.
Der euch solch tolle antwort zu geben gelert hat. Al-
BEEUS 12 13.
Die mich alles verachten gelehrt hat, Hausvatee 43 ^
Sie haben sie selbst gelehret Ihr väterliches Ansehen ver-
achten, Hausv. 892 3-
Alle jene Künste, die ein edler Stolz und eine natürliche
Erhabenheit der Seele den Minister verachten gelehrt hatte,
SoHiLLEE (Erz.) 63ii.
— 113 —
Er zeigt, dafs die Erfahrung sie gelehrt hat zu beobachten.
Darwin 323 ^\
In dem, was er malte, sieht das Äuge, welches der Zer-
gliederer bemerken gelehrt hat, eine . . . Georg Forster, An-
sichten vom Niederrhein'j Halle, Hendel; p. 55 j.
Ich will einen „Konsequenz fall" erzählen, der mich im
vorigen Sommer beten gelehrt hat, Ackleitner, Geschichten
aus den Bergen, dritter Teil; Eeclams TJ.-B. 2769, p. 97^.
Hiernach sind wir also nicht imstande gewesen, ein
einziges Beispiel für den Ersatz bei lehren aufzutreiben;
denn das aus Luther angeführte wird durch das dabei
stehende ersatzlose neutralisiert. "Wir müssen auch ge-
stehen, dafs unserem eigenen Sprachgefühl der Ersatz
durchaus widerstrebt. M. Heyne (im Wörterbuch, unter
lehren) führt auch kein Beispiel mit Ersatz an. Heyse
zieht sogar dagegen zu Felde {Wörterbuch, 2ter Band,
p. 42 10): „Statt des Mw. gelehrt in Verbindung mit einem
Infinitiv den Infinitiv lehren zu setzen, ist weder allgemeiner
^och nachahmenswerter Sprachgebrauch, also nicht: er
hat mich schreiben lehren, sondern gelehrt'''' Auch bereits
Adelung verurteilt den Ersatz im Wörterbuch (H, 198729).
Anders dagegen Sanders. Er meint (im grofsen
Wörterbuch, 2ter Band, p. 88, dritte Spalte, Z. 55 v. o.),
das Particip sei heute wohl „im Ganzen die gewöhnlichere
Form." Doch führt er als Belege nur zwei Beispiele mit
Ersatz an, unser oben schon erwähntes aus den Nabeln,
das gar nicht beweiskräftig ist, und eins aus Lewald.
Nur Kehrein, p. 212, kennt noch ein Beispiel mit Ersatz
aus Thümmel (das sich aber schon in Adelung findet).
"Wenn aber nichts mehr für die Behauptung von
Sanders spricht, dann ist sie hinfällig.
Wir gestatten uns somit den Schlufs: Der Ersatz
bei lehren ist niemals zur völligen Ausbildung
gelangt; die etwa vorhandenen Belege sind nur
8
— 114 —
als Ansätze dazu zu betrachten, und da keiner-
lei theoretische Gründe zu Gunsten des Er-
satzes sprechen können, so empfiehlt es sich ihn
durchaus zu vermeiden.
Lernen.
Hauptsatz. Obliquus ohne zu.
Lernen nimmt zunächst einen reinen InfinitiT zu sich
z. B. rechnen lernen, schreiben lernen u. s. w. und dieser
Infinitiv kann auch einige nähere Bestimmungen zu sich
nehmen. Dann zeigen sich ersatzhafte Formen häufiger,
besonders in der Verbindung Tiennen lernen.
L Ersatzhaft.
Gewöhnliche Wortfolge.
Es hätten dessen Kinder ihre verführt und ihnen den heiligen
Christ kennen lernen (= gelehrt nach altem Sprachgebrauchy
besouders nach dem des 17. Jahrhimderts). Ebznabben ISS,.
Kaum hah ich euch als Vater kennen lernen. Cato 82*.
Würde er , . . haben kriechen lernen? TTusRTngH 32g.
Einen braven Menschen hah ich kennen lernen. Webtheb 8 •.
Denn ich habe in meinem Mafse begreifen lernen. 'Wbb«
T H KH o (7 2 7 •
Ich habe den Grafen C. . . . kennen lernen. Webthbb 52 '.
Die Stände hatten die Macht kennen lernen. SchüiLbb
(Krieg) 21,.
Altere Wortfolge.
Wo habt ihr lernen Comoedien machen. Tobias 83 ^
H. Ersatzlos.
Ebenso häufig, wenn nicht noch häufiger, zeigen sich
hier aber ersatzlose Formen.
Gewöhnliche Wortfolge.
Ich habe predigen gelernt. Ebznaeiben 186 2«
Der Hund hat viele Worte und Befehle verstehen gelernt.
Hebdeb 35^.
Früh schon hatten sie sich kennen geleimt. Köbnbb 1 \
— 115 —
Ida hatte selbst etwas Weniges klimpern gelernt, Hauff 73 \
Er hatte . . . den jungenBaron Kolk kennengelernt, Mügge 1 ITj 2 .
Sie hohen kennen gelernt, wie es mit Volksgunst steht,
MüaaE 2536.
Ich hatte den alten Sechsbretterritter in meinem ersten
Engagement kennen gelernt, Bbentano, IV; (Reclam, Univ.-
Bibl. No. 3246) p. Sj^.
Altere Wortfolge.
Er . , , hat also gelernt tönen, Hebder öO^.
Eine ersatzlose Form kommt im Werther nicht vor.
Umgekehrt ist die ersatzhafte Form in Herder nur ein-
mal belegbar. Auch in Hauff, Immermaktn, Sophie Becker
ist der Satz Er hat kennen lernen, wie es uns scheinen
will, nicht, oder kaum zu finden.
Einen merkwürdigen Vergleich beider Formen mit
einander gestattet Goedeke. In seinem Buche über
Goethes ' Leben (Cottas Bibliothek der Weltlitt eratur,
Band 50) fanden wir Ich habe kennen gelernt p. 59 ^^,
79 ^ 122 1^ 159 ^: Ich habe kennen lernen aber nur p. 24i2.
Da nun die von uns gebrachten Belege für den Er-
satz keinem der Schriftsteller unserer Tage angehören,
umgekehrt die ersatzlosen Formen grofsenteils aus der
jüngeren Litteratur stammen, soistwohlder Schlufs gestattet,
dafs gegenwärtig im Gegensatz zum vorigen Jahrhundert
die ersatzlosen Formen durchgängig bevorzugt werden.
Obliquus mit ^u.
Lernen hat aber auch in der neueren Litteratur häufig
einen Infinitiv mit zu\ in der Regel allerdings nur, wenn
dieser Infinitiv nähere Bestimmungen bei sich hat, aber
auch, wenn das nicht der Fall ist.
Ist das nicht der Fall, dann kann der Obliquus
vortreten:
Weil man nicht zu denken gelernt hat. Fliegende Blätter
(14. Januar 1894).
— 116 —
Er hatte sich zu "beherrschen gelernt. Heinrich Kubz,
grofse Litteraturgesch., Artikel über Ernst Schulze.
Ist das der Fall, so tritt der Obliquus hinter das
Regens und zwar: omnia sua secum portans.
Seit etlichen Tagen erst hatte Luischen von ihrer Mutter
gelernt f die Nähnadel zu fuhren, Salzmann (Kt.) 35^^.
Du hast gelernt, den Mund verschlossen zu halten, May 70 ^
Als Ausnahme dürfte die Wortfolge gelten in diesem
Beispiele:
Sie hatten eine gewisse Kriegserfahrung und vor allen
Dingen zu schief sen und die Geschütze zu bedienen gelernt.
Kölnische Zeituno (7. Februar 1894).
Bei dem Injönitiv mit zxi kommt nun, gleichgültig, ob
er vor oder hinter dem Regens stehe, ein Ersatz nicht vor.
Für das Auftreten des Obliquus mit und ohne zu
möchten wir nun noch einige Bestimmungen versuchen.
In den Ausdrücken mit lernen^ z. B. Ich habe kennen
Jemen; ich habe rechnest lernen u. s. w. enthält das Prä-
dikat zwei selbständige Zeitwörter, wovon allerdings das
eine in einem Abhängigkeitsverhältnis zu dem anderen
steht. Von diesen kann also auch jedes selbständig
näher bestimmt werden.
I. Gehören nun die Bestimmungen zum B;egens
(lernen), dann treten sie im Hauptsatz nach der im
Deutschen allgemein gültigen Regel zwischen Finitum
und Particip (zwischen „Wandelform" und „Stehform"
der Satzaussage); also:
Ich (habe [in dem Steche eine neue BegeT] gelernt +
kennen).
Particip und Infinitivus Obliquus stehen also dann
zusammen und folglich treten die oben erläuterten Ge-
setze in Kraft und verwandeln die gegebene Satzform in
die folgende allgemein bekannte und übliche:
— 117 —
Ich habe in dem Buche eine neue Begel kennen
lernen;
also auch:
Ich habe mit meinem Bruder in der Schule rechnen
lernen.
IL Gehören aber die Bestimmungen zum In-
finitivus Obliquus, also nicht zum Regens, dann treten sie
auch nicht zwischen die Teile des Regens, sondern hinter
dasselbe vor den Obliquus, zu dem sie gehören.
Im ersten Falle steht der oblique Infinitiv ohne zu,
und in dem Regens kommen ersatzhafte und ersatzlose
Formen so ziemlich gleich häufig vor: im zweiten Falle
steht der oblique Infinitiv in der heutigen Sprache durch-
gängig mit zu, und im Regens sind ersatzhafte Formen
ausgeschlossen.
Hiernach steht also einander gegenüber:
I. Ich habe mit meinem Bruder in der Schule rech-
nen lernen;
II. Ich hahe gelernt, mit den Umständen zu rechten.
Es dürfte wohl als Ausnahme gelten, dafs in Fällen
der ersteren Art der Obliquus mit zu steht. Schwerlich
wird einer sagen wollen:
Ich hahe mit meinem Bruder in der Schule zu rechnen
lernen,
Wohl kommt es in Fällen der letzteren Ai*t vor, dafs
der Obliquus mit seinem zu vor das Particip des Regens
tritt, namentlich dann, wenn der Inhalt als Ganzes ein
Mifsverständnis ausschliefst:
Ich hohe mich in alles zu fügen gelernt, oder gar ohne
zu und mit Ersatz nach Analogie der Fälle ersterer Art:
Ich hahe mich in alles fügen lernen. Diese Satzform ist
besonders dann üblich, wenn der Obliquus als nähere
— 118 —
Bestimmung nur ein Accusativobjekt bei sich hat.
Demnach stehen also einander wieder gegenüber:
a) Ich hohe einen Brief schreiben lernen.
i3) Ich habe gelernt, nie einen Fehlschufs zu thun.
Zu den Fällen der ersteren Art wird stets gerechnet
der Ausdruck kennen lernen; zu den Fällen der letzteren
Art stets die, in denen der Obliquus das Hülfszeitwort
sein ist in Begleitung eines Adjektivs.
Ich habe ihn unter diesen Umständen nie als einen
Mann von Charakter kennen lernen.
Ich habe gelernt, auch unter diesen Umständen glück-
lich zu sein.
Unserem Sprachgefühl klingt es hart, wenn ein Obli-
quus mit zu vor das Particip oder den Ersatz tritt.
Deswegen möchten wir nicht empfehlen, was die Köl-
nische Zeitung am 7. Febr. des vorigen Jahres (Sieh
oben!) schrieb. Wir hätten da lieber gesagt:
Sie hatten eine gewisse Kriegserfahrung und vor allen
Dingen gelernt zu schief sen und die Geschütze zu bedienen.
Stehen Fälle der letzteren Art im Nebensatz, so
möchten wir auch empfehlen, den Obliquus mit seinen
Bestimmungen lieber hinter das Eegens treten zu lassen.
Also lieber
Wenn er gelernt hätte, mit den Umständen zu rechnen,
als
Wenn er mit den Umständen zu rechnen gelernt hätte.
Doch haben wir den Eindruck, als ob die neuere
Litteratur diese deutlichere Wortfügung nicht gerade
bevorzuge, obgleich bereits Luther sagt : Jerem. 30, 6 :
Wie gehets denn zu, das ich alle Metmer sehe, jre
Hende auff jren Hüfften haben, (Bindseil -Niemeyer,
4ter Teil, p. 163).
- 119 —
In Fällen der letzteren Art hatte die ältere Sprache
auch den Ohliquus ohne zu.
In Bezug hierauf finden wir lehrreich, was Luther
sagt, Philipper 4, 11 (Bindseil-Niemeyer, 7ter Teil, p. 135
[Wir fanden die Stelle bei Sandees im grofsen Wörter-
buch unter lernen, Spalte 1?, auf Seite 112]): Denn ich
habe gelernet, hey welchen ich hin, mir genügen lassen.
Die neueren Herausgeber der Luther-Bibel (Britische
Bibelgesellschaft, 1891) machen daraus nämlich: Denn
ich habe gelernet, mir genügen zu lassen, und so auch
alle anderen neuen Übersetzungen; van Ess: Ich habe
gelernt, mit meinen Umständen zufrieden zu sein\ Reischl:
Ich habe gelernt, mit dem, was ich habe, begnügt zu sein ;
Allioli: Ich habe gelernt, mich mit dem, was ich hohe,
zu begnügen, Bibel-Beockbaus : Ich habe gelernt, worin
ich bin, mich zu begnügen; Kistemaker : Ich habe gelernt,
ivie^s immer mit mir steht, zufrieden zu sein; Paeallel-
Bibel, herausgegeben von C. Bertelsmann, 1888, Güters-
loh: Ich lernte in der Lage^ in der ich bin, genügsam
zu sein.
Nebensatz. Obliquus ohne zu.
I. Ersatzhaft.
Gewöhnliche Wortfolge.
Das helfe uns der Vater Jesu Christi, den wir durch D,
Martins Lehre vneder haben kennen und im Glauben anrufen
lernen, Mathesiüs 55 ^
Ich schrieb dir neulich, wie ich den Amtmann S... habe
kennen lernen. Werther 14 4.
Dafs ich eins der liehenstmrdigsten Geschöpfe habe kennen
lernen. Werther 14 ^
Da er ,,. ein . . . Schenkmädel habe kennen lernen, Bren-
tano, 4tes Bändchen p. 9^.
Altere Wortfolge.
Und wodurch du hast lernen weinen. Besser (in Canitz
p. CCX Zeile 4 v. o. im Gedicht).
— 120 —
II. Ersatzlos.
Der .... Frantzösich reden gelernet hatte, Ebzkabbek
219 \
Als sie dort • . . kriechen und brummen gelernt hatten,
Hebder 33 ^^
Das vor dem sechsten Jahre nicht lesen gelernt hatte, Salz-
mann (K) 124"^.
Piachi, der . . . Elvire ehendort . . . kennen gelernt und zwei
Jahre darauf geheiratet hatte. Kleist 96 ^.
Den ich kennen gelernt hatte, Mügge 1192.
„Lessingsatz" heute.
Das leichteste Beispiel, dafs keine Nation in ihrer Sprache
mehr und andere Wörter habe, als sie abstrahieren gelernt,
sind die ohne Ziveifel sehr leichte Abstraktion, die Zahlen
HJEEDER 59 ^°.
Obliquus mit zu,
a) Obliquus vor dem Particip des ßegens.
Diejenigen, welche ein Stück am schärfsten zu beurteilest
gelernt haben, Deamatüegie 95 jq.
Je weniger man Begriffe unter einander zu ordsien gelernt
hat, Herder 61 ^
ß) Obliquus hinter dem Particip des Regens.
Je weniger man noch gelernt hat, einen Sinn ohne den
andern zu brauchen, Herder 46 ^K
Diejenigen, die am wenigsten haben und daher gelernt
haben sollenj es am meisten zu verachten, pflegen . . . Heyse 25 \
Die letzte Stelle ist lehrreich. Mit Ersatz müfste sie
heifsen :
Diejenigen, welche am wenigsten haben und daher
es am meisten sollten haben verachten lernen, pflegen . . .
Kein Wunder, dafs Heyse hier der ersatzlosen Form
den Vorzug gab.
Aus dem Vorstehenden dürfte man denn nun wohl
die Regel ziehen, dafs es sich auch bei lernen (abgesehen
etwa von dem Ausdruck kennen lernen) durchaus empfiehlt,
den Ersatz zu meiden.
— 121 —
Das ist denn ungefähr dasselbe Ergebnis, zu dem
schon Adelung gelangt ist, welcher in seinem Wörter-
Imch (Ausgabe von 1807, unter lernen, Spalte 2031 ii)
sagt : „ .... in den zusammengesetzten Zeiten scheinet
es gleichgültig zu seyn, ob man alsdann lernen im In-
finitiv stehen lasset .... oder ob man der gewöhnlichem
Form folget, weil man von beyden Beispiele findet.
. . . Indessen giebt es viele Fälle, in welchen der Infinitiv
in der vergangenen Zeit anstatt des Mittelwortes das
Gehör beleidiget. Wird man wohl z. B. gerne sagen:
hey wem haben sie tarnen lernen? Das Kind hat erst vor
vier Wochen gehen lernen u. s. f. Daher es scheinet, als
wenn sich diese Form mit dem Zeitworte lernen noch
am besten vertrüge."
Helfen.
Hauptsatz.
Ich habe 10 Jahre . . . meinem Junker jagen und viel Fuchs
und Hasen fangen helfen, Mathesius 218 ^^
Hätten auch . . . der Verstorbenen Häuser bestehlen helfen
(1582). (Gurt) Mülleb 140 ^ 3,
Jr hant lang die geweichten examinirn helfen. Dia-
loge 25 ^K
Der Herr von Ganitz hatte . . . die Selig- Verstorbene , , . zu
ihrer Buhe-Stätte begleiten helffen, Canitz CCVII (Fufsnote
Z. 8 V. u.).
Nebensatz. I. Ersatzhaft.
Der ...gerne dieselbe hätt erhalten und reformiren helfen.
Mathesius Aß^. (Anderes Beispiel, aber im Hauptsatz, p. 201 7).
Dafs er ... hohe züchtigen und . . . das Vaterland retten
helfen. Obebhop (Spemann) p. 89 15. (Anderes Beispiel: p,
113 ^*).
Nachdem sie der Tochter hatte nähen helfen. Obebhof
(Oarel) 9^6.
— 122 —
Den sie hatten heraufieschwören helfen. Volnbt (Ein-
leitung von E.OBEKT Habs p. 3 ^),
„Lessingsatz."
Die den Boden helffen eintreten, Simpl. 94 ^
Der den Grund hierzulegen helffen, Thomasius 13^.
Ich kenne nur eine Tragödie, an der die Liebe selbst ar-
beiten helfen, Deamatukgie 59 21.
IL Ersatzlos.
Er gestand j dafs er Antonien dies Fortepiano haV aus-
wählen geholfen, Eberhard X: 171.
Dafs sie löschen geholfen hätten, Jokai 115g.
Dessen „Hugenotten" kurz zuvor Meyerbeer zu einem Stern
des Tages machen geholfen hatten, Nohl 19, j.
über das Auftreten des zu vor dem Obliquus und
das damit verbundene Fehlen des Ersatzes liefse sich
wohl dasselbe sagen, was vorhin von lernen ausgeführt
worden ist. Die ältere Sprache kennt den Obliquus mit
zu aber nicht und neigt auch zum Ersatz selbst, wenn
das Regens vorsteht und durch Bestimmungen vom
Obliquus getrennt ist. Auch ist der Infinitiv mit zu
lange nicht so ausgebildet als bei lernen. Man vergleiche
nur die folgenden Beispiele mit ähnlichen, in denen
lernen steht:
In Weinsberg half er unserm alten Justinus noch mehr
Geister sehen, Oberhop (Carel) 18 g.
Ich will euch helfen stehlen, Grimm 177**^.
Ich will dir helfen^ meinen Verfolger vernichten. Ibsen
240 17.
In folgenden Beispielen haben wir zu\
Vorher können wir doch helfen den Menschen zu fangen,
May 258 \
Wenn sie uns hier hilft • . , unsere Zustände zu erkennen,
Reichstag (Bachern) 59i3.
Die Perfecta dieser beiden Sätze würden lauten:
Vorher haben wir doch geholfen, den Menschen zu fangen
(mit "Weglassung des können))
— 123 —
Wenn sie uns hier geholfen hat, unsere Zustände zu er-
kennen.
Heirsen.
I. Ersatzhaft.
Hauptsatz .
Ich habe dich nur heifsen zu mir herausgehen, Schwab IS^.
Nebensatz.
Wo Gott nicht hätte solchen Fleifs drauf heifsen haben,
LxjTHEB (Keclam) 56'',
Da . • . man seines Sohnes Lehrer von Christo hat reden
heifsen. Mathesius 179**.
n. Ersatzlos. a) Obliquus ohne zu:
Itze is der Johann gekommen und hat ihn geheifsen ver-
nünftig sein. WrLDBNBEucH 7^.
ß) Obliquus mit zu\
Hab ich keinen Augenblick gehabt, keinen, an dem mein
Herz mich geheifsen hätte, Ihnen zu schreiben. Weether 5522«
Hat dich denn dein Herz geheifsen, au^h nur jemals das
Geringste für ihn zu thun. "W. Meister 8, 1. (Angeführt in
M. Heyne unter heifsen, Spalte 109 2*^).
Als er ... mich zu bleiben geheifsen hatte. Dichtung und
"WAHRHEIT 10 (Auch in Heyne 109 i^).
Ich hab* ihn nicht geheifsen, inkognito zu reisen. Goethe
(Angeführt in Sanders unter heifsen, Seite 732, Spalte II
Z. 8 V. u.).
Brauchen.
I. Ersatzhaft.
Der Mann hätte nicht viele Menschenalter zu warten brau-
chen. Cicero 142 **.
Sie würden nicht mehr . . . Winkelzüge haben zu ersinnen
brauchen. Lindau 85 j.
Man hätte die Provinz nicht zu beunruhigen brauchen,
Saroey 252*
Ich hätte es ja nur herauszuziehen brauchen. Tolstoi 29 ^^.
— 124 —
Das hette er doch nicht zu tun brauchn, Botstibee 55 **.
IL Ersatzlos.
Ihr hättet mich nicht zu mahnen gehraucht, Paul, Mittel-
hochd, Grammatik, 1884; p. 115**,
Das hätte man den Soldaten aber nicht besonders zu
empfehlen gebraucht. Danatdb 182 2,
Hiemach ist also bei hraiwlien der Ersatz entschieden
üblicher, als das Particip.
Pflegen.
I. Ersatzhaft.
Hauptsatz.
Gewöhnliche Wortfolge.
So hat man vnsere Musen zue mahlen pflegen, Opitz 11 3
(Opitz konjugiert übrigens ijflegen schwach, p. 17^^, 17 ^^)
Altere Wortfolge.
Bischof Alhrecht von Mainz hat pflegen zue sagen, Luther
(Neubauer) 175 ^
Ynd llonsardty wie Muretus meldet, hat pflegen zue sagen,
Opitz 13 2 j.
Nebensatz.
Wie . . . er die ziemliche scharffe Frage vordessen an
anderen dergleichen Personen . . . hat pflegen zu exeguiren,
(Ouet) Müller (Stelle aus Carpzow, aus dem 16ten Jahrh.)
129 8.
IL Ersatzlos.
Hab ich auch je gepflegt dir also zu thun. Luther, 4 Mose
22, 30 (BindseU-Niemeyer, Erster Teil, p. 322).
Deren Frack ich .... zu tragen gepflegt, Bakosi 1 ^,
Der Ersatz ist heute jedenfalls ganz veraltet. Durch-
aus üblich scheint er uns überhaupt niemals gewesen
zu sein.
— 125 —
Suchen.
Hauptsatz.
Der sorgsame Schauspieler hat • • • zu heöbachten gesucht,
Dbam. 6 3. (Andere Beispiele: U^^; 191% 41^^] 49^0;
Ö8"; 92 22.)
Für den Staat . . . würde man sich auch der .... Abgabe
zu entziehen gesucht haben, Schiller (Krieg) 6^
Nebensatz.
Ja man gesteht so gar, dafs man solche Ungleichheit mehr
zuzulassen, als zu vermeiden gesucht, Tbiller p. 196 C»^^^'
bericht zur ersten Ausgabe"; Seiten nicht numeriert.)
In Sandees haben wir auch keine Belege für den
Ersatz gefunden. Nur Michael Eichey behauptet, der
Ersatz sei zu seiner Zeit das Übliche gewesen. Wir
möchten dies aber bei dem gänzlichen Mangel an Be-
legen stark bezweifeln.
Wissen.
Auch bei diesem Zeitwort soll nach Richey früher
der Ersatz gewöhnlich gewesen sein. Wir haben aber
nur einen Beleg dafür finden können, obschon wir von
Bbaj^^t bis BiSMAKCK, von Hütten bis Heyse eifrig nach
ersatzhaften Beispielen umhergespäht haben. In Abrä.-
TTAM A S. Clara (MerlxS Wien, p. 74 S) lasen wir :
Er • . . • hat sich vnssen mit güldener Erkeniitnifs einzustellen.
Aufserdem hat Kehrein {Schulgrammatik', Ausgabe
Tom Jahre 1865) p. 212 is noch ein Beispiel:
Man hat nicht viel tvissen zu sagen, Ayentinus (•{•1534);
ebenso Schötensack {Grammatik, 1856; p. 298 13):
Hai Bom sein siebenbergigt Haupt sonst nirgends hin zu
legen wissen, Lohenstein, Ibrahim Bassa;
nnd femer noch Sanders ( Wörterbuch der Hauptschwierig'
keiten, p. 338, Spalte II 9) :
— 126 —
Die ausgezeichneten Beziehungen, welche die vorige Be-
'gierung zunschen Frankreich und den auswärtigen Mächten
hat herzustellen wissen. Nationalzeitung 24,344.
Sie hätten nichts damit wissen anzufangen, Hebel;
und dann erwähnt er noch ein Beispiel aus Lutheb und
eins aus Wickeam. (Diese haben wir aber in Sanders
grofsem Wörterlmch nicht finden können.)
Zählen wir die beiden letzteren Beispiele mit, so
wären das also im ganzen nur sieben Belege für den
Ersatz bei ivissen von Luther bis heute.
Auf Grund dessen glauben wir es also auch entschieden
bezweifeln zu müssen, dafs sich der Ersatz bei ivissen zu
irgend einer Zeit über blofse Ansätze erhoben hätte.
Denn ersatzlose Beispiele sind von wissen geradezu im
Uberflufs vorhanden. Einige derselben wollen wir zum
Beweise des Gesagten hier anführen.
Die hat man nit wist hafs gen Born zubringen, Luther
(Adel) 193.
Diese Kunst hätte der schlimste Handwercks- Junge gleich
so gut zu practiciren geumst, Erznarren 26^,
.... Dafs ein bekanter Hoffmann . . . zuliebkosen gewust.
Thomasius 12 1^
Man weifs • . • . dafs er besonders der erbabenen Sprache
des Milton Genüge zu leisten getoufst. Dram. 30 ^
Nie hat ein Dichter ein kleineres niedlicheres Ganze zu
machen gewufst, als er. Dram. 81 3. (Anderes Beispiel: Dra-
maturgie 86"^^).
Doch hatte sich die Frau immer durchzuhelfen gewufst,
Werther SOjg.
Was die Protestanten so glücklich zu benutzen gewufst
hatten. Schiller (Krieg) 22 ^ (Anderes Beispiel 41^^).
Indessen hatte die Liebe doch endlich obzusiegen gewufst.
Oberhop (Spemann) 56^^. (Andere Beispiele: öTj, 6I14).
— 127 —
Vermögen.
Ein Kind hätte einzusehen vermögen, Bsbges p. 55 ^q.
Eine Antwort . . . hat . . . Behel . . . nicht zu geben vermocht,
Kktchrtaq 107 3. (Anderes Beispiel p. 139 25 aus der Hede
EUOBK BlGHTBB^.)
Nie haben Empfindungen sich mächtiger auszudrücken ver-
mocht, MÜGGE 37 ^^
Bedürfen.
Von diesen habe ich nie etwas zu bitten bedurft, Obebhof
(Carel) 133 *,
Fühlen.
Er hatte eine gewisse Liebhaberei für geistige Dinge i7i
sich erwachen gefühlt, Gobixeau 188 3.
Er hatte die schuldige Dankbarkeit nicht verlöschen gefühlt,
MmßSKE&y Schwarzgold 4, 162 (Angeführt in Saitoebs, Wörter-
huch der Hauptschunerigkeiten , 24 te Aul p. 16 Spalte l^).
Das sind die einzigen beschaffbaren Belege zu fühlen
in der Perfektform. Keins der grofsen Wörterbücher
hat ein Beispiel für oder gegen den Ersatz, obschon
sich sonst fühlen + Infinitiv häufig genug nachweisen
läüst:
Schaurige Kälte fühlte sie . . . in sie eindringen. Hauff 28 ^
Einst fühlf ich mein junges Königsblut
Von Kraft und von Liebe schäumen. Schwab, Balladen:
Des Fremden Königreich. (Cotta, 1846, p. 198"^).
Bald fühlte Lornsen die Flut um seine Füfse spielen.
MüGGB 86j. (Andere Beispiele: 31 g; 133^.
Des , , . Führers, der den Geist der Menge in sich leben
fühlt, Ebnan 150 6.
Als ich das hörte j fühlte ich meine Füfse unter mir zu-
sammenbrechen, Eeckmann-Chatbian (Reclam) 70 3.
Ich fühlte meinen ganzen Körper sich schütteln. Eecb3iaxn-
Chatbiak (Meyer) 32 13.
— 128 —
Er fühlte sich vergehen, Gobineau 226 ^^^
Er war es, der sich schwach . . . werden fühlte. Ders. 222 ^.
Sie fühlte sich auch so etwas von einer Virtuosin zu sein.
Dbam. 52 ^
Gleichwohl sagt Gbtmm im Wörterbuch unter föhlen
(Spalte 408^2): „übrigens setzt die heutige spräche
lieber : ich habe . . . sein herz schlagen gefühlt'*'
Beispiele zur Bestätigung sind aber nicht angegeben.
Druck von "W. rugulin in Leipzig.
Vita.
Der Verfasser der vorliegenden Arbeit wurde, im Jahre
1860 in der Fabrikstadt Rheydt unweit Düsseldorf geboren.
Beinahe 19 Jahre alt wurde er als Stud. Philos. an der
Universität Bonn immatrikuliert. Hier widmete er sich, mit
einer Unterbrechung von einem Jahre, das er in England
und zwar grösstenteils als Studierender des University College in
London zubrachte, philologischen und philosophischen Studien
bis zum Jahre 1884. Alsdann siedelte er nach den Niederlanden
über. Dort erwarb er sich die beiden Grade der nieder-
ländischen Facultas Docendi für deutsche Sprache und
Litteratur und fand nun auf Grund derselben bald Verwen-
dung beim niederländischen höheren Unterrichtswesen.
Damach wurde er im Jahre 1890 zum Mitglied der
niederländischen Staats- Prüfungskommission für Lehramts-
Kandidaten der deutschen Sprache ernannt : und dies veran-
lasste ihn, den Plan zu einer ausführlichen Grammatik der
deutschen Sprache auf historischer Grundlage zu entwerfen,
wovon die vorstehende Untersuchung einen Teil ausmacht.